Ärzte Zeitung, 28.04.2008

Onkologen setzen auf neue Strukturen

Gemeinsame Zentren sollen Versorgung verzahnen / Experten fordern Aufbau eines nationalen Krebsregisters

BERLIN. Onkologen in Deutschland sehen die Innovationskraft in ihrem Fachgebiet in Gefahr. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) forderte deshalb bei ihrer Frühjahrstagung bessere Studienbedingungen, ein nationales Krebsregister und neue Versorgungsstrukturen.

Von Angela Misslbeck

Der Anteil nichtkommerzieller Studien ist in Deutschland nach DGHO-Angaben deutlich geringer als in anderen europäischen Staaten. In Italien würden 700 kommerziellen Studien 489 nichtkommerzielle Studien gegenüberstehen, in Deutschland sei das Verhältnis 778 kommerzielle zu 179 nichtkommerziellen Studien. "Deutschland gibt im internationalen Vergleich wenig für Forschung aus", so der DGHO-Sekretär und Schatzmeister Professor Mathias Freund. Außer der Unterfinanzierung kritisierte er auch den hohen Aufwand für die Genehmigung von Studien durch die Ethikkommissionen der Länder. "Das ist ohne professionelle Unterstützung kaum mehr zu handhaben", so Freund.

Leidvolle Erfahrungen mit Kosten-Nutzen-Bewertung

Nachteile für die Innovationskraft der Onkologie fürchtet die DGHO auch seitens des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Freund sprach von "leidvollen Erfahrungen" mit den Kosten-Nutzen-Bewertungen des Instituts. Der geschäftsführende DGHO-Vorsitzende Professor Ernst Ehninger forderte eine Änderung der IQWiG-Strukturen nach dem Vorbild des englischen NICE-Instituts. Dort sind die Fachgesellschaften in die Kosten-Nutzen-Bewertung einbezogen. "Onkologische Substanzen müssen von Onkologen bewertet werden", so Ehninger.

Das sei insbesondere dann nötig, wenn dem IQWIG die Aufgabe der Medikamentenpreisberechnung zugestanden werden sollte. "Wir müssen darum kämpfen, dass Innovationen beim Patienten ankommen", sagte Ehninger. Er kritisierte auch die Praxis der Arzneiregressandrohungen. Meist könnten die Ärzte die Verordnungen zwar als Praxisbesonderheiten geltend machen und damit einen Regress abwenden, aber "es ist mühsam, Patienten mit teuren Medikamenten zu behandeln", so Ehninger.

Neue Impulse hält die DGHO auch für die Versorgungsforschung für notwendig. Ein nationales Krebsregister verbunden mit einer bundesweiten Meldepflicht würde dazu aus ihrer Sicht einen wesentlichen Beitrag leisten. "Die Daten, die uns zur Verfügung stehen, sind extrem lückenhaft", sagte der DGHO-Vorsitzende Dr. Friedrich Overkamp. Ehninger forderte, "den föderalen Flickenteppich zu beseitigen", datenschutzrechtliche Hürden abzubauen und die Dokumentation zu vereinfachen und besser zu honorieren.

Eine Vereinfachung der Dokumentation hält auch der Greifswalder Epidemiologe Professor Wolfgang Hoffmann für nötig. Er bezeichnete es als "Blödsinn", dass in Kliniken und Praxen jeder Schritt für die Abrechnung und für die Krebsregister doppelt dokumentiert werden müsse. Er wies vor allem auf den Nutzen klinischer Krebsregister in Tumorzentren hin. Sie würden im Gegensatz zu epidemiologischen Registern auch Auskunft über therapeutische Maßnahmen und Therapieverlauf geben.

Das sei unter anderem mit Blick auf eine Bewertung der Ergebnisse des Mammografie-Screenings wichtig. Zudem würden diese Register Daten liefern, die auch politisch relevant seien. "Wenn wir nachweisen können, dass etwas für die Bevölkerung besser ist, werden auch die Finanzen anders geregelt", sagte Hoffmann. Er appellierte an die Ärzte, die Dokumentation für die Krebsregister als Chance zu begreifen.

Onkologen wollen Kooperation mit Kliniken vorantreiben

Bei aller Kritik an den Rahmenbedingungen versuchen die Onkologen dennoch, Raum für Innovationen zu schaffen. Dabei setzen sie auf onkologische Zentren, an denen Ärzte verschiedener Richtungen aus Klinik und Schwerpunktpraxen zusammenarbeiten. Klinikverwaltungsdirektoren würden die Entwicklung dieser Zentren begrüßen, weil sie die Effizienz steigern und außenwirksam seien, so Freund. Er hält die Zentren für die bestmögliche Kooperationsform zwischen ambulanten und stationären Onkologen.

Die Öffnung der Kliniken für die ambulante Versorgung nach §116b SGB V sieht er zwar auch als "begrüßenswertes Modell für die Überwindung der Sektoren" an, hält sie jedoch nicht für ausreichend. "Die Öffnung der Kliniken allein wird das nicht lösen", so Freund. Problematisch an der Kooperation von Niedergelassenen und Kliniken seien vor allem der Datenaustausch und die unterschiedlichen Finanzströme.

STICHWORT

Onkologische Zentren

In onkologischen Zentren arbeiten Klinikärzte und niedergelassene Ärzte über Fach- und Sektorengrenzen hinweg zusammen. Im Unterschied zu Comprehensive Cancer Centers nehmen onkologische Zentren keine Grundlagenforschung vor. Die Versorgung steht im Mittelpunkt.

Herzstück der Zentren sind die regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen. Diese integrative Versorgungsform wird von der DGHO ausdrücklich begrüßt. Die Gesellschaft hat deshalb vor gut einem Jahr mit der Zertifizierung onkologischer Zentren begonnen. Bislang sind neun Zentren zertifiziert, bei drei weiteren läuft das Verfahren. Deutschlandweit hält die DGHO gut 200 onkologische Zentren für nötig.

Weitere Infos: www.onkologische-zentren.de

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