Ärzte Zeitung, 17.02.2004

"Anti-Mobbing-Kurse sollten auf jedem Lehrplan stehen"

Etwa fünf Prozent aller Schüler sind nach einer Studie sehr aggressiv / Je älter, desto schwieriger die Intervention

Gewalt unter Schülern: Die Prävention sollte möglichst schon im Kindergarten- und Grundschulalter ansetzen, sagen Experten. Foto: dpa

Von Sabine Schiner

Tritte, Schläge, Kopfnüsse, einmal hatten sie seinen Kopf in eine Kloschüssel gesteckt. Sie banden ihn an einem Baum fest, warfen Messer nach ihm. Monate später erzählte der Grundschüler seiner Mutter davon. Jetzt wird er in einer psychosomatischen Klinik in Darmstadt behandelt, die Mutter hat Strafanzeige erstattet.

Solche Berichte kann man derzeit jeden Tag in der Tagespresse lesen - viele Artikel vermitteln den Eindruck, als hätte es das früher nicht gegeben. Doch Gewalt unter Schülern ist kein neues Phänomen. "Es herrscht jedoch ein schärferer Wind an den Schulen", sagt die Psychologin Petra Heimer-Dietz aus Gießen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Ginge es nach der Psychologin, stünden auf allen Lehrplänen Anti-Mobbing-Kurse. "Kindern ist bewußt, daß sie ein großes Gewaltpotential haben, doch die meisten können damit nicht umgehen."

Nach einer Studie des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden werden etwa fünf Prozent aller Schüler häufig aggressiv gegen andere, knapp ein Prozent droht dabei mit Waffen. Für die Untersuchung waren im vergangenen Jahr 1163 Schüler in siebten und achten Klassen an allgemeinbildenden Schulen in Erlangen und Nürnberg befragt worden.

Heimer-Dietz, Mitarbeiterin der Initiative gegen psychosozialen Streß und Mobbing in Gießen, sucht zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern nach Lösungen. Erst kürzlich mußte sie sich um einen Jungen in einer sechsten Klasse kümmern, der von seinen Kameraden schikaniert wurde.

"Seine Mitschüler gaben die Gewaltbereitschaft - nachdem der Lehrer nicht mehr im Klassenzimmer war - offen zu. Gleichzeitig waren sie froh, endlich einmal darüber sprechen zu können." Fast immer werden die Gewalttaten von Schweigen begleitet, sei es aus Überforderung, Hilflosigkeit oder Konfliktscheuheit. Schon vor 20 Jahren hatte der norwegische Psychologe Dan Olweus von der Universität Bergen festgestellt, daß es nur die Hälfte aller Eltern erfährt, wenn ihr Kind gequält wird, Lehrer noch seltener.

Je länger es dauert, desto schwieriger wird es, das Schweigen zu durchbrechen. Kinder schämen sich oft, wenn sie gehänselt und schikaniert werden, fürchten, daß ihnen Lehrer oder Eltern nicht glauben. Heimer-Dietz sieht da noch viel Aufklärungsbedarf. Nur wer weiß, wie Mobbing abläuft, der weiß auch, in welche Richtung er fragen muß, um die Hintergründe für das Unwohlsein eines Kindes zu erfahren.

Strategien für dem Umgang mit der Wut im Bauch kann man lernen: Daß man etwa im Geist bis auf zehn zählt, ruhig durchatmet und versucht, miteinander zu reden. Mit der Prävention sollte man schon im Kindergarten beginnen. Denn je älter die Kinder, desto schwieriger ist die Intervention. Kinder bilden ihr Selbstbewußtsein früh im Umgang mit anderen aus. Wer einmal Opfer war, der läuft Gefahr, daß er auch als Erwachsener Opfer bleibt. Und wer in der Schule andere mobbt - ohne dabei erwischt und bestraft zu werden - der hört sehr wahrscheinlich auch als Erwachsener nicht damit auf.

Hausärzte sind in der Praxis als Vermittler gefragt

Bei dem Thema Gewalt in der Schule sind auch Ärzte gefordert. Stoß- und Schlagwunden sind klare Hinweise, doch auch wenn Kinder mit Depressionen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Konzentrationsschwäche in die Sprechstunde kommen, können dies erste Anzeichen sein. Betroffen sind alle Altersstufen. Schikanen von physisch und psychisch stärkeren Schülern gegenüber Schwächeren gibt es auch schon in Kindergärten.

"Oft werden leider nur die Symptome behandelt, nicht die Ursachen", sagt die Psychologin Petra Heimer-Dietz aus Gießen. Sie befürwortet den Einsatz von Ärzten als Vermittler. "Da der Hausarzt das Kind meist schon ein paar Jahre kennt, kann er den Ernst der Situation oft gut einschätzen."

Wichtig ist in jedem Fall, daß früh interveniert wird. Wenn Ärzte einen Verdacht haben, sollten sie zuerst die Eltern ansprechen. Im Gespräch sollte geklärt werden, ob zum Beispiel das Kind in seinen Leistungen einen deutlichen Leistungsabfall zeigt, zuhause nichts mehr von der Schule erzählt, keine Freunde einlädt und nichts mit Klassenkameraden unternimmt oder häufig unerwartet aggressiv gegenüber Eltern oder Geschwistern reagiert.

Erhärtet sich der Verdacht, müssen alle Beteiligte angesprochen werden: Nur wenn Eltern und Lehrer zusammenarbeiten, kann den Kindern geholfen werden. (ine)

 

Rollenspiele und Schlichtergespräche statt Faustschläge

Es gibt viele Präventionsansätze zum Thema Gewalt, hier einige Beispiele mit Kursen und Informationen für Kinder, Lehrer, Eltern und Ärzte.

"Faustlos" heißt ein Erziehungsprogramm für Kindergarten- und Grundschulkinder des Heidelberger Professors Manfred Cierpka.
Mehr dazu im Internet unter www.faustlos.de

Die Selbstschutz-Initiative "Sicher-Stark" in Euskirchen bei Köln bietet verschiedene Kurse für Schulen und Vereine an sowie ein Kindersorgentelefon (0800/1110333).
Weitere Infos im Web unter der Adresse www.sicher-stark.de

Über Präventionsprojekte in Deutschland, Dänemark, Finnland, Großbritannien und Portugal informiert ein Team von 20 europäischen Wissenschaftlern auf der Internetseite des EU-Projektes "Visionary".
Weitere Infos unter der Adresse www.gewalt-in-der-schule.info

An vielen Schulen gibt es mittlerweile Schlichterprogramme. Durch Kommunikationstraining und Rollenspiele lernen Schüler, ihren Kameraden im Konfliktfall beizustehen.
Infos zu Schlichtern unter anderem unter www.kidsmobbing.de

Erziehung ist das Thema in den Kursen "Starke Eltern - starke Kinder" des Kinderschutz-bundes.
Mehr im Internet unter der Adresse www.kinderschutzbund.de

Auf die Prävention gegen Mobbing hat sich die Initiative gegen psychosozialen Streß in Gießen (IPSM) spezialisiert.
Mehr zur gemeinnützigen Initiative unter www.ipsm-giessen.de

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