Ärzte Zeitung, 23.02.2004

Frühe Toxin-Therapie bei Spastiken kann Gelenkschäden vermeiden

Botulinumtoxin in einen einzelnen Muskel injiziert lockert verkrampfte Extremität

FRANKFURT / MAIN (mut). Bei Kindern mit Spastiken aufgrund einer infantilen Zerebralparese (ICP) kann eine frühe Therapie mit Botulinumtoxin Schäden wie Gelenks-Dysplasien, -Luxationen und Gelenkskontrakturen vermeiden. Häufig genügt es bei der Therapie bereits, die Substanz in einen Muskel zu injizieren, um die Beweglichkeit einer Extremität erheblich zu verbessert.

Ein Junge mit spastischen Lähmungen. Werden solche Kinder bereits im Alter von zwei bis sechs Jahren mit Botulinumtoxin behandelt, können sie oft lernen, selbständig zu gehen. Foto: dpa

Das optimale Zeitfenster für eine Therapie mit Botulinumtoxin (BTX) liege bei Kindern mit Spasmen bei etwa zwei bis sechs Jahren, so Dr. Ulf Hustedt vom Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Städtischen Kliniken in Frankfurt a. M.-Höchst. In dieser Zeit seien die Umbauvorgänge in der Muskulatur, wie sie durch die Spasmen verursacht werden, noch nicht weit fortgeschritten, sagte Hustedt zur "Ärzte Zeitung". Ein Beispiel: Werden Kinder mit Spitzfuß nicht rechtzeitig behandelt, verkürzt sich die Achillessehne. Die Folge: Die Sehne muß oft mehrfach durch eine Operation verlängert werden. "Mit Botulinumtoxin kann man das oft verhindern", so Hustedt. Für viele Kinder stehe jedoch nicht eine Vermeiden der Op im Vordergrund, sondern daß sie durch die BTX-Therapie lernen können, selbständig zu gehen.

Damit eine Extremität beweglicher wird, benötigen jedoch nicht alle verkrampften Muskeln das Toxin. Oft genügt es, BTX in einen bestimmten Muskel zu injizieren, der den Tonus anderer Muskeln in der Extremität mitbestimmt. Ein solcher führender Muskel könne bei den jeweiligen Patienten durch Abtasten gefunden werden, so Dr. Götz Dreiss vom DRK-Krankenhaus in Debstedt. Auf einer Veranstaltung des SPZ in Frankfurt/Main nannte der Orthopäde Beispiele bei Patienten, bei denen BTX in den M. rectus femoris injiziert auch nachfolgende Muskeln in den Beinen entspannte und so die Beweglichkeit deutlich verbesserte. Bei anderen Patienten konnte in den M. pectoralis injiziertes BTX die Spastik im Arm weitgehend lösen.

Eine erst seit kurzem bei Kindern mit Beinspastiken angewandte Option ist eine Injektion von BTX in den M. iliopsoas. Damit läßt sich bei Patienten mit gebeugter Hüfte der Rumpf oft wieder aufrichten. Bisher, so Hustedt, erfolgte die Injektion transabdominel, was eine kurze Narkose der Kinder erforderte. Mit einer etwas längeren Nadel und per Ultraschall-Kontrolle sei aber auch ein Zugang über die Leistenbeuge möglich, was die Prozedur vereinfache und den Kindern eine Narkose erspare.

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