Ärzte Zeitung, 24.03.2004

In Deutschland überleben immer mehr Frühchen

Zur Reanimation von sehr jungen Frühgeborenen gibt es noch keine internationalen Standards

BERLIN (gvg). Die Überlebenschancen sehr junger Frühgeborener haben sich in den vergangenen Jahren in Deutschland verbessert. Das belegen aktuelle Daten neonatologischer Kliniken in Hessen. Die Ergebnisse können nach Expertenmeinung auf ganz Deutschland übertragen werden. Doch in Europa herrscht Dissens darüber, wie Ärzte sich bei Kindern verhalten sollen, die zwischen der vollendeten 22. und der 26. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren werden.

Eine Kinderschwester kontrolliert die technischen Apparaturen, die ein Frühgeborenes am Leben erhalten. Foto: dpa

Vor allem für Kinder, die nach der 26. SSW und vor dem Ende der 30. SSW geboren werden, hätten sich in den letzten zwei Jahren die Aussichten stark verbessert, sagte der Pädiater Professor Rainer Rossi vom Klinikum Neukölln in Berlin auf dem Berliner Perinatal-Kongreß.

Zurückgeführt wird das vor allem auf Verbesserungen in der Intensivpflege der Neugeborenen, etwa beim Umgang mit den noch unreifen Lungen der Frühchen. Für sehr kleine Frühgeborene, die vor dem Ende der 26. SSW geboren werden, habe man im Moment keine verläßlichen Zahlen, so Rossi.

Für den Umgang mit Frühgeborenen gebe es in Deutschland eine Empfehlung mehrerer Fachgesellschaften, die den Kollegen nahe lege, bei nach der 24. SSW geborenen Kindern möglichst alles zu versuchen. Bei Kindern, die vor Abschluß der 22. SSW auf die Welt kommen, sollte nichts unternommen werden, so Rossi. Dazwischen liegt eine nicht geregelte Grauzone.

Von internationaler Einigkeit im Umgang mit den sehr jungen Frühgeborenen ist man in der Neonatologie noch weit entfernt. Anders als in Deutschland werde etwa in der Schweiz empfohlen, vor Abschluß der 24. SSW keine intensivmedizinische Behandlung zu beginnen, wie der Züricher Neonatologe Professor Hans-Ulrich Bucher berichtete. Zwischen 24. und 26. SSW prüfe ein Gremium jeden Einzelfall genau, so Bucher.

Noch zurückhaltender sei man bei Grenzfällen in den Niederlanden: Von 134 dort befragten Neonatologen würden über 60 Prozent ein 560 Gramm schweres, nach der 24. SSW geborenes Kind nicht reanimieren, so Bucher. In der Schweiz würden hingegen etwa 30 Prozent der Ärzte solche Kinder nicht reanimieren, in Deutschland, Italien und Großbritannien sind es unter 5 Prozent. Auf die Frage, ob sie das Vorgehen bei einem Frühgeborenen an der Grenze der Lebensfähigkeit auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern ändern würden, antworten vier von zehn britischen und holländischen und zwei von zehn deutschen Ärzten mit "Ja".

STICHWORT

"Very low birth weight"-Kinder

Etwa 1,2 Prozent aller Neugeborenen in Deutschland sind Frühgeborene mit einem Gewicht von weniger als 1500 g. Zu Beginn ihres Lebens sind diese "very low birth weight"-Kinder (VLBW) vor allem durch eine unreife Lunge, Infektionen und Hirnblutungen gefährdet. Später neigen ehemalige VLBW-Kinder zu Krampfanfällen, Bewegungsstörungen und chronischen Atemproblemen. Auch retinale Fehlentwicklungen und geistige Retardierungen sind häufig. (gvg)

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