Ärzte Zeitung, 07.04.2004

HINTERGRUND

Beim Spiel mit Delphinen werden auch schwer kontaktgestörte Kinder aktiver und gesprächiger

Spiel mit einem Delphin im Nürnberger Tiergarten: Die Möglichkeiten und Grenzen der Delphin-Therapie werden derzeit in einer Studie untersucht. Foto: dpa

Von Christian Beneker

Therapie mit Delphinen kann bei Kindern offenbar auch schwere Folgen von Autismus und Down-Syndrom lindern, sagt der Verhaltenspsychologe Erwin Breitenbach von der Uni Würzburg. Doch die Therapie ist teuer und die Erfolge sind wissenschaftlich nicht bewiesen.

Breitenbach untersucht seit 1998 zusammen mit dem Nürnberger Tiergarten und dem Freizeitpark Heidepark Soltau die Wirkung der Meeressäuger auf die Kommunikationsfähigkeit von kontaktgestörten Kindern. Bis 2006 will er Ergebnisse vorlegen. Doch so viel ist klar: "Die Fortschritte, die manche Kinder hier in acht Tagen machen, haben sie in manch anderer Therapie nicht geschafft", so Breitenbach zur "Ärzte Zeitung", "die Kinder werden aktiver, gestaltungsfreudiger und steigern ihre sprachlichen Ausdruck."

Die Idee der Delphin-Therapie stammt aus den USA. Dort begründete der amerikanische Psychologe David Nathanson Ende der 70er Jahren seine "Dolphin Human Therapie". Seinen Erfahrungen zufolge sind Musik und Tiere geeignete Stimulanzien, um die Aufmerksamkeit von kommunikations- und kontaktgestörten Kindern zu steigern. Studien aus den 90er Jahren zeigen, daß Kinder, deren Konzentration in einer normalen Schulstunde lediglich zehn Minuten anhielt, mit einem Welpen oder einem Kätzchen im Schoß ihre Aufmerksamkeitsspanne auf über 25 Minuten ausdehnen konnten.

Im Spiel mit den Tieren lernen Kinder schneller

Ähnliche Ergebnisse erzielte Nathanson mit der Delphintherapie. Die Kinder wurden 30 Minuten im Wasser mit den Tieren unterrichtet und 30 Minuten ohne Tiere im Klassenzimmer. Die Resultate zeigten, daß die Kinder im Wasser viermal schneller lernten, als im Klassenraum. Breitenbach knüpft an diese Versuche an. Der Psychologe arbeitet mit geistig und körperlich behinderten Kindern zwischen fünf und zehn Jahren in fünf Sitzungen zu je 30 Minuten.

Die Tümmler fungieren dabei als Eisbrecher, locken die Kinder ins Wasser zum Spielen. Die Angst der Kinder, ob das Neue, Fremde bewältigt werden kann, stehe im Zentrum der Beziehungsängste und weiche meist der "lustvollen Erfahrung mit einem interessanten Partner", so Breitenbach. Im Delphinarium in Soltau spielen die Kinder zunächst mit den Tümmlern Ball und lassen sich am Schluß von den Delphinen an deren Rückenflossen durchs Bassin ziehen.

Jede Therapiestunde wird aufgezeichnet und mit den Eltern der Kinder zusammen ausgewertet. In einem Fragebogen soll so erfaßt werden, wie sich die Kinder verändern. "Es ist erstaunlich, daß viele Eltern ihr Kind in der Arbeit mit den Delphinen so kommunikativ erleben, wie sonst niemals zuvor", sagt Breitenbach. Mit zwei Vergleichsgruppen, die eine Therapie ohne Delphine anbieten, sollen die Ergebnisse erhärtet werden.

10 000 Euro kostet eine zweiwöchige Therapie

18 Therapeuten und Pädagogen plus 15 Studenten arbeiten mit 30 Kindern. Finanziert wird die Studie von der Landesregierung und Sponsoren. Für Breitenbach trotz des Aufwandes ein lohnendes Unterfangen: "Die Delphinarien in Europa werden mit Anfragen nach derartigen Therapien überhäuft."

In Europa gibt es erst wenige Angebote, in den USA, Ägypten oder Israel ist die Delphintherapie längst eingeführt. Doch die Angebote sind für den Preis von 10 000 Euro für zwei Wochen teuer, "und es ist wissenschaftlich nicht erwiesen, ob die Arbeit mit Delphinen wirklich etwas bewirken kann", so Breitenbach, "deshalb die Studie. Sie soll Investoren und Kassen Klarheit darüber verschaffen, ob die Arbeit mit Delphinen als Therapieform gelten kann."

Populär ist die Behandlung auch in Deutschland allemal. Der Psychologe erhält viele Anfragen: "Wir können uns die Kinder für die Studie inzwischen aus über 2000 Familien aussuchen."

Weitere Infos: Uni Würzburg, Lehrstuhl Sonderpädagogik 1, Wittelsbacherplatz 1, 97074 Würzburg.

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