Ärzte Zeitung, 04.05.2004

"Lerngestörte Kinder sind wie Sonnenblumenkerne"

Der Essener Arzt Dr. Gerhard Otto behandelt Kinder mit ADHS mit Hilfe der sogenannten "Sunflower"-Therapie

Von Sebastian Sedlmayr

Behandlung nach der "Sunflower"-Methode: Dr. Gerhard Otto mit einer Patientin. Foto: Otto

ADS, ADHS, LRS sind Abkürzungen, die bei vielen Eltern die Alarmglocken schrillen lassen. Schließlich geht es um "Aufmerksamkeitsdefizitstörung", "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" und "Lese- und Rechtschreibschwäche", also Konzentrations-, Sprach- und Lernschwächen bei Kindern. Häufig durchlaufen Kinder mit Entwicklungsschwierigkeiten eine Reihe verschiedener Therapien ohne spürbaren Erfolg. Etwa fünf Prozent der in Deutschland geborenen Kinder sind betroffen.

Dr. Gerhard Otto glaubt einen Weg gefunden zu haben, die sogenannten Lern- und Teilleistungsstörungen wirksam zu bekämpfen. Der Arzt und seine Frau empfangen in ihrer Essener Privatklinik Patienten, die sich mit der "Sunflower-Methode" therapieren lassen wollen.

"Lerngestörte Kinder sind wie Sonnenblumenkerne: Zunächst sind sie ganz unscheinbar, dann wachsen sie zu wunderschönen Wesen heran", erklärt Otto die Namensgebung.

Der Allgemeinarzt geht bei der Behandlung seiner jungen Patienten nach dem aus England importierten "Sunflower-Prinzip" vor: "Wir versuchen, so viel Streß wie möglich aus dem Körper zu nehmen, damit so viel Energie wie möglich zum Lernen bereitsteht", erklärt Otto. Zu diesem Zweck würden zunächst Stoffwechsel, Bewegungsapparat und Nervenfunktionen des Patienten untersucht. "Wir stellen fest, ob eine Sunflower-Therapie Sinn macht."

Die Methode greife dann, wenn eine auf Unregelmäßigkeiten des Stoffwechsels oder auf motorischen Fehlern gründende Störung vorliege. Aber auch psychische Ursachen für Lernstörungen ließen sich mit der Therapie beheben, berichtet der Mediziner.

Je nach Diagnose wendet Otto eine Kombination verschiedener Behandlungsansätze an: Mit Chirotherapie, Massagen und Akupressur begegnet er Störungen im Bewegungsablauf, mit Osteopathie sollen Nervenleiden behoben, mit Neurolinguistischer Programmierung Versagensängste bekämpft werden. Außerdem empfiehlt Otto je nach Blutbild Beigaben zur Nahrung wie Vitamine, Mineralien oder Spurenelemente.

Ziel der "Sunflower"-Behandlung ist ein "integrativ funktionierendes Gehirn", das einfache körperliche Abläufe routiniert im Unterbewußtsein bewältigt, während der wache Geist sich auf Lesen, Schreiben oder Rechnen konzentrieren kann. "Kinder müssen sehr viel übers Körperliche nachdenken", erläutert Otto diese seiner Meinung nach häufige Ursache für Lernstörungen.

Nach der Diagnose erstellt Otto einen Behandlungsplan. "Meist benötigen wir acht über ein Jahr verteilte Sitzungen", sagt der Sunflower-Spezialist. Nach der Therapie sollen die Kinder ihre neu erworbenen Fähigkeiten ausprobieren. "Drei bis sechs Monate später kommen sie zur Nachsorgeuntersuchung." Dann stellt sich heraus, ob die 800 bis 1200 Euro teure Behandlung einen positiven Effekt hatte. "Wir machen derzeit eine auf Eltern-Fragebögen gestützte Erhebung", sagt Otto. Erste Zwischenergebnisse ließen darauf schließen, daß etwa bei der Hälfte der Patienten eine Verbesserung der Lernfähigkeit eingetreten sei.

Otto weiß, daß anerkannte Logopädenorganisationen wie etwa der Deutsche Bundesverband für Logopädie die Effektivität der "Sunflower-Methode" bezweifeln. "Aus logopädischer Sicht bin ich solchen Methoden gegenüber skeptisch", sagt zum Beispiel die Leiterin der Bonner Schule für Logopädie, Tanja Jahn.

Sunflower-Therapeut Otto ist trotz dieser Bedenken und der mangelnden wissenschaftlichen Belege von der Methode überzeugt. Das beste Beispiel für die Wirksamkeit sei sein eigener Sohn: "Er ist in England erfolgreich behandelt worden, bevor ich als erster die Therapie nach Deutschland gebracht habe."

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