Ärzte Zeitung, 23.07.2004

HINTERGRUND

Bei Kindern mit Bauchschmerzen sind selbst Pankreas und Darm mit Ultraschall gut zu sehen

Bauchweh, Übelkeit - bei Kindern sollte nach der Anamnese immer zum Ultraschall-Gerät gegriffen werden. Foto: Klaro

Welche der modernen bildgebenden Verfahren sind für Kinder geeignet? Worauf achten Kinderradiologen besonders? Darüber haben Spezialisten beim Europäischen Radiologenkongreß (ECR) in Wien diskutiert. Mit diagnostischen Know-how lassen sich Operationen bei Kindern vermeiden, waren sich die Kollegen einig.

Die Besonderheiten von Diagnose und Therapie in der Kinderradiologie waren eines der großen Themen beim ECR 2004. Häufige Indikation ist die Abklärung von Bauchschmerzen bei Kindern. Derartige, oft schwer zuordenbare Schmerzen zählen zu den am weitesten verbreiteten Beschwerden bei Kindern.

Weil Bauchschmerzen bei ihnen von psychosomatischen Ursachen bis hin zu akuten Entzündungen sehr viele Gründe haben können, kommt einer präzisen und sorgfältigen Diagnose eine besondere Bedeutung zu.

Sonographie macht CT oft überflüssig

Mit moderner Ultraschall-Diagnostik könnten die meisten Ursachen für Bauchschmerzen bei Kindern abgeklärt werden, so die Meinung von Kinderradiologen. "Am Ende einer solchen sorgfältigen Ultraschall-Untersuchung sollte der Untersucher wissen, ob es organische Ursachen für die Schmerzen gibt", sagte Dr. Roisin Hayes, Kinderradiologin am Our Lady's Hospital for Sick Children in Dublin. "Die routinemäßige Anwendung von Computertomographie (CT) ist dann nicht notwendig, denn Ultraschall ist ein hochsensibles Medium, und es ist höchst unwahrscheinlich, daß man dabei etwas Relevantes übersieht."

Konventionelles Röntgen spielt in der Diagnostik von Bauchschmerzen bei Kindern inzwischen - schon wegen der vermeidbaren Strahlenbelastung - eine untergeordnete Rolle. Ganz generell, davon ist Hayes überzeugt, erfordert der Einsatz von bildgebenden Verfahren in der Pädiatrie, besonders in der Diagnostik von Bauchbeschwerden, ganz andere Strategien als bei Erwachsenen. Die Besonderheiten des Organismus bei Kindern müßten berücksichtigt werden.

"Ultraschall kann zum Beispiel die Bauchspeicheldrüse bei Kindern sehr exakt abbilden. Bei Erwachsenen brauchen wir fast immer eine CT, um ausreichend genaue Bilder zu haben", sagte Hayes. "Ärzte sollten sich allerdings bei der Untersuchung von Kindern mit Beschwerden im Bauchraum nicht bloß auf Organe wie die Leber, die Gallenblase, die Milz oder die Nieren konzentrieren, sondern auch dem Darm besondere Beachtung schenken."

Auch junge Mädchen können Eierstock-Probleme haben

Eine Darmuntersuchung läßt sich bei Kindern per Ultraschall viel besser machen als bei Erwachsenen, weil sie üblicherweise weniger Körperfett haben und weniger zu Verstopfung neigen. Außerdem ist der Ultraschall auch das diagnostische Mittel der Wahl, um bei jungen Mädchen abzuklären, ob die Schmerzen etwa von Problemen der Eierstöcke oder der Gebärmutter herrühren.

Bildgebende Diagnostik bei Kindern erfordere sehr spezialisiertes Know-how und ein Eingehen auf die spezifischen Umstände bei jedem, plädierte Hayes für die Spezialisierung. Bei allen Vorteilen, die etwa moderne Ultraschall-Verfahren bei der Untersuchung von Kindern leisten, seien auch sie nicht bei allen Symptomen die ideale Methode.

"Wenn etwa ein Zehnjähriger starke Bauchschmerzen und zugleich heftigen Durchfall hat, müssen wir zunächst einmal die Möglichkeiten einer Blinddarmentzündung, aber auch eines Morbus Crohn abklären. Und die Diagnose von Morbus Crohn erfordert jedenfalls auch eine Kontrastmitteluntersuchung", so Hayes. "Der Radiologe hat hier eine wichtige Rolle, die anderen Fachdisziplinen zu beraten, welche Untersuchungen am zweckmäßigsten sind."

Keine Op ohne vorheriges bildgebendes Verfahren

Für eine Spezialisierung im Bereich der Kinderradiologie im Interesse der jungen Patienten sprach sich auch die norwegische Kinderradiologin Professor Karen Rosendahl vom Haukeland Universitätsspital in Bergen aus. "Wenn für die Untersuchung ein erfahrener pädiatrischer Radiologe verfügbar sein sollte, ist Ultraschall als Methode sicher zu bevorzugen, weil er eine hohe Genauigkeit bietet, sowohl bei der Blinddarmentzündung als auch bei anderen Bauchbeschwerden von Kindern", sagte Rosendahl.

In jedem Fall, betonte die Kinderradiologin, sollte vor einer Operation von Kindern mit Bauchschmerzen ein bildgebendes Verfahren eingesetzt werden. "In manchen Krankenhäusern wird bei Verdacht auf eine Blinddarmentzündung sofort operiert, ohne daß vorher eine bildgebende Abklärung erfolgt wäre", kritisierte Rosendahl. Allerdings nur bei 70 bis maximal 90 Prozent der betroffenen Kinder sei ein solcher Eingriff überhaupt notwendig. "Durch entsprechende präoperative bildgebende Diagnostik können wir die Zahl der falsch positiv diagnostizierten Blinddarmentzündungen deutlich reduzieren und gleichzeitig auch noch andere mögliche Ursachen für die Schmerzen abklären", so Rosendahl.

Der Text ist zuerst in der "Ärzte Woche" am 19. Mai 2004 erschienen.

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