Ärzte Zeitung, 07.02.2005

INTERVIEW

Speziell beschichtete Spiralen stoppen Blutfluß im Gefäßtumor

Mit speziell beschichteten Metallspiralen ist an der Universitätsklinik in Bonn ein Baby mit einer ausgeprägten vaskulären Malformation vor kurzem erfolgreich behandelt worden. Bereits vor der Geburt war bei ihm ein vergrößertes Herz aufgefallen. Ursache war ein gefäßreicher Tumor im Oberarm, dessen starke Durchblutung das Herz zu Höchstleistungen forderte. Zunächst konnte das Herz durch die Behandlung der Mutter mit Digitalis stabilisiert werden. Wenige Tage nach der Geburt wurden dann elf beschichtete Metallspiralen mit einem Katheter unter Röntgenkontrolle in die Hauptgefäße des Tumors eingebracht. Die Durchblutung wurde so gestoppt und der Tumor konnte entfernt werden, wie Privatdozent Dr. Johannes Breuer, Direktor der Kinderkardiologie, im Gespräch mit Ruth Ney von der "Ärzte Zeitung" sagte.

Ausgeprägte vaskuläre Malformation am Oberarm eines Neugeborenen. Die Durchblutung der vielen Gefäße belastet das Herz des Babys enorm - vergleichbar mit dem Herz eines Radsportler bei der Tour de France. Fotos (3): Breuer, Uni Bonn

Zwei Platinspiralen (oben und unten): Bei Flüssigkeitskontakt quillt ihre Beschichtung auf.

Ärzte Zeitung: Wie häufig sind solche Gefäßtumoren überhaupt?

 
  PD Dr. Johannes Breuer, Kinderkardiologe an der Uniklinik Bonn. Foto: Uni Bonn

Breuer: Bei den Gefäßtumoren unterscheidet man heute zwischen Hämangiomen und vaskulären Malformationen. Kleinere Hämangiome sind bei zwei bis zwölf Prozent der Neugeborenen anzutreffen und oft nur ein kosmetisches Problem. Ausgeprägte Malformationen, die durch den starken Blutdurchfluß das Herz belasten und zum Herzversagen führen können, sind hingegen sehr selten. Konkrete Zahlen sind mir nicht bekannt, aber in elf Jahren in der Kinderkardiologie habe ich das bisher nur dreimal erlebt.

Ärzte Zeitung: Welche therapeutischen Möglichkeiten gab es vor Einführung der Metallspiralen?

Breuer: Vor Einführung der Metallspiralen vor etwa acht Jahren gab es nur primär chirurgische Maßnahmen. Das Entfernen des Tumors war aber für die kardial instabilen Babys kritisch, zumal die Blutungsgefahr sehr hoch war, wenn in das durchblutete Tumorgewebe geschnitten wurde. Um solche Blutungen zu stoppen, hätte bei einer solchen ausgeprägten vaskulären Malformation am Oberarm wie bei unserer Patientin möglicherweise der Arm komplett entfernt werden müssen. Denn um die Blutzufuhr im Tumor zu stoppen, hätte die Hauptarterie im Arm unterbunden werden müssen und damit wäre der ganze Arm nicht mehr ausreichend versorgt worden.

Es gab auch Versuche mit Histoacryl-Injektionen in den Tumor. Dieser Klebstoff wird aber aufgrund der starken Durchblutung aus den Tumorgefäßen leicht herausgespült bevor er sie richtig verklebt hat und kann dann in die Lunge geraten.

Ärzte Zeitung: Welche Prognose hat das operierte Baby jetzt?

Breuer: Dank der Spiralen, die unter Röntgenkontrolle mit Hilfe eines Katheters gesetzt werden, ist das Blutungsrisiko generell nur noch ganz gering. Und die beschichteten Spiralen dichten die Gefäße besonders schnell und gut ab. Der Tumor ist vor wenigen Tagen entfernt worden, und das Baby kann nun wie jedes andere gesunde Kind leben.

Ärzte Zeitung: Aus welchem Material bestehen die Spiralen generell und womit ist die von Ihnen verwendete Spirale beschichtet?

Breuer: Die Spiralen bestehen generell aus Platin und waren in diesem Fall zudem mit einem Hydrogel beschichtet. Diese Substanz quillt beim Kontakt mit Körperflüssigkeiten innerhalb weniger Minuten bis auf das elffache des Spiralenvolumens auf und verschließt das Gefäß besonders effektiv. Wir haben zum Beispiel elf Spiralen mit einem Durchmesser zwischen zwei und acht Millimetern verwendet - in Abhängigkeit von Anzahl und Durchmesser der krankhaften Blutgefäße.

Ärzte Zeitung: Was war der Anlaß, gerade bei diesem Baby beschichtete Spiralen zu verwenden?

Breuer: Durch die enge Zusammenarbeit mit Neuroradiologen wußten wir von diesen beschichteten Spiralen, die Hirngefäße besonders gut abdichten. Unsere Hoffnung war nun, diesen Effekt auch in der Kinderkardiologie bei Kindern mit kritischen vaskulären Tumoren nutzen zu können, so wie eben in diesem Fall. Und wir haben dadurch tatsächlich bei unserer Patientin zum Beispiel weniger als die Hälfte der sonst nötigen Spiralen gebraucht und konnten so sowohl die Implantationszeit als auch die Röntgendurchleuchtungszeit und damit die Strahlenbelastung verringern.

Ärzte Zeitung: Sollten nun aufgrund des guten Behandlungserfolgs solche beschichteten Spiralen generell zur Therapie bei ausgeprägten vaskulären Tumoren verwendet werden?

Breuer: An sich ist es sicher wichtig, daß man eine möglichst rasche und effektive Gefäßabdichtung erzielt. Bei Verwendung der beschichteten Spiralen müssen aber drei Aspekte berücksichtigt werden: Zum einen muß zum Ablösen der Spiralen vom Träger im Tumorgefäß eine Flüssigkeit verwendet werden. Sind viele Spiralen nötig, ist dazu soviel Flüssigkeit nötig, daß man an die Grenze der Belastbarkeit bei einem Baby kommt. Zum anderen muß für das Ablösen ein ziemlicher Druck verwendet werden, was für kleine, dünne Gefäße ungünstig ist. Und drittens sind die beschichteten Spiralen um einiges teuerer als die üblichen Spiralen. Ich könnte mir aber vorstellen, daß für eine Operation beide Spiralen-Typen kombiniert werden.

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