Ärzte Zeitung, 14.03.2005

Eindeutige Hinweise auf sexuelle Mißhandlung gibt es nicht

In Tübingen warnten Experten vor allzu schnellen Urteilen / Interesse für Sexualität erwacht bei Kindern sehr früh

Von Angela Speth

Die fünfjährige Marie knutscht im Kindergarten alle Jungen ab. Bei den Erziehern entsteht der Verdacht, sie benehme sich so, weil sie von einem Erwachsenen sexuell mißhandelt worden ist. Doch Vorsicht, warnte eine Expertin jetzt auf einer Tagung zu sexueller Gewalt, solche eindeutigen Hinweise gibt es nicht.

Marie ist ein trauriges Beispiel dafür, wie die Diskussion über Kindesmißhandlung noch vor zehn Jahren lief: Das Jugendamt mischte sich ein, brachte das Mädchen in einer Pflegefamilie unter, und sie durfte erst zwei Jahre später wieder zu ihren Eltern zurückkehren.

Über diese Fehlleistung berichtete Privatdozentin Renate Volbert aus Berlin bei einem Symposium in Tübingen. Mittlerweile ist der Umgang mit diesem Thema wesentlich feinfühliger geworden, nicht zuletzt dank wissenschaftlicher Untersuchungen.

So hat sich ergeben, daß sexuelle Verhaltensweisen bei Kindern bis zu einem gewissen Grad gang und gäbe sind. Berühren und Anschauen des eigenen Körpers, allein oder zusammen mit Freunden - das machen bis zu zwei Drittel aller Kinder bis zum sechsten Lebensjahr. Fast jede Kindergruppe durchlaufe eine Phase mit den beliebten Doktorspielen, so Volbert.

Ungefähr ab dem Schulbeginn sind diese Verhaltensweisen kaum mehr zu beobachten Nicht etwa weil die Kinder damit aufhören würden, sondern weil sie es aus einem erwachenden Schamgefühl heraus eher verbergen. Auch kulturelle Unterschiede wurden bei den Studien offenbar: Zum Beispiel sind skandinavische Kinder den US-amerikanischen in ihrem Wissen über Fortpflanzung um zwei Jahre voraus.

Kinder reagieren sehr unterschiedlich

Vor allem beschäftigten sich die Forscher mit der Frage, ob ein Kind, das Opfer körperlicher Zudringlichkeiten von Erwachsenen wurde, zwangsläufig ein stark sexuelles Verhalten an den Tag legt. Das könnte ein übermäßiges Interesse an Genitalien sein oder entsprechende Spiele mit Puppen. Das Ergebnis lautete: Nein, nicht unbedingt, denn bei einem Teil der mißhandelten Kinder ist in dieser Hinsicht keine Besonderheit festzustellen.

Allerdings kommt ein solches Verhalten bei ihnen doch relativ häufig vor, und zwar je nach Studie bei sieben bis 90 Prozent. "Diese Zahlenspanne ist so groß, daß sich daraus keine Empfehlung für die Praxis ableiten läßt", sagte Volbert auf dem Symposium in Tübingen.

Eindeutige Beweise für Belästigung sind selten

Höchstens so viel: Es gibt Auffälligkeiten, bei denen der Verdacht einer sexuellen Mißhandlung nicht ganz von der Hand zu weisen ist: wenn das Interesse an Sexualität bei einem Kind plötzlich steigt und alles andere beherrscht, wenn dies mit negativen Gefühlen wie Scham, Schuld oder Aggression einhergeht.

Ein eindeutiger Beweis für körperliche Belästigungen durch einen Erwachsenen ist dies aber auch deshalb nicht, weil für ein solches, nicht altersgerechtes Verhalten noch andere Ursachen in Betracht kommen. So wäre beispielsweise möglich, daß das betreffende Kind emotional ausgebeutet wird oder auch schlicht unbeaufsichtigt Fernsehsendungen konsumiert, die für Minderjährige nicht geeignet sind.

Relativ häufig seien es geschiedene Mütter, die den Vorwurf der sexuellen Mißhandlung gegen ihren Exmann erheben, so Volbert. In einem Drittel aller Sorgerechtsprozesse müssen sich die Richter auch oder gerade mit diesem Thema auseinandersetzen. Dem liegt oft zugrunde, daß sich die Frauen in ihrer Ehe ausgenutzt vorkamen, Dinge mitmachten, die sie eigentlich nicht wollten, und diese Gefühle nun auf ihr Kind übertragen.

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