Ärzte Zeitung, 24.03.2005

Zappelphilippe brauchen Therapie

Betroffene Kinder und ihre Familien sind stark belastet / BÄK will Leitlinien publizieren

HEIDELBERG (bd). Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist eine Hirnfunktionsstörung. Betroffene müssen unbedingt ärztlich behandelt werden, wie Professor Franz Resch aus Heidelberg sagt. Mit einer Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikamenten seien dabei die besten Ergebnisse zu erzielen.

Unkonzentriert und zappelig: Oft wird unterschätzt, wie sehr erkrankte Kinder unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom leiden. Foto: Janssen-Cilag

Der Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiater kritisierte Behauptungen in den Medien, wonach Medikamente bei ADHS von Ärzten häufig zu schnell verschrieben würden. Solche oft einseitigen Berichte hätten betroffene Familien stark verunsichert, sagte Resch beim Jahreskongreß der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in Heidelberg.

Nach den Erfahrungen des DGKJP-Vizepräsidenten werden Medikamente bei der Therapie von Kindern mit ADHS in der Regel sehr verantwortungsvoll eingesetzt. Betroffene hätten starke Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, seien impulsiv, leicht reizbar und könnten sich nicht in die Gruppe einfügen.

Wenn ihnen ihre Außenseiterrolle bewußt werde, würden sie zudem trotzig und traurig. "Die Belastungen in den Familien sind häufig so groß, daß sie daran zerbrechen", warnte er. Selbstverständlich müsse bei Kindern zunächst eine genaue Krankheitsdiagnose erfolgen und diese erst gesichert sein, ehe Medikamente eingesetzt würden, betonte Resch.

Der Kinder- und Jugendpsychiater wies darauf hin, daß die Bundesärztekammer (BÄK) in Kürze verbindliche diagnostische und therapeutische Leitlinien zu ADHS veröffentlichen will. Diese sind von Experten in einem Kompetenznetz erarbeitet worden. Die Leitlinien seien ein wichtiger Schritt, um auch Allgemeinmedizinern und Kinderärzten verbindliche diagnostische Empfehlungen an die Hand zu geben.

Nach Angaben von Resch wird der Anteil der ADHS-Betroffenen auf drei bis sechs Prozent aller vier- bis 16jährigen Kinder und Jugendlichen geschätzt: "Viele Kinder mit ADHS werden derzeit noch gar nicht behandelt, weil die Eltern sich scheuen, zum Arzt zu gehen", sagte Resch.

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