Ärzte Zeitung, 30.06.2005

Ärzte im Klassenzimmer - ein Modell, das Schule machen könnte

Die Schulpatenschaft der KV Berlin ist nach Ansicht der meisten Schüler, der Lehrer und der beteiligten Ärzte eine Erfolgsgeschichte

In der Klasse 10/4 der Werner-Stefan-Oberschule, einer Berliner Integrationsschule, steht Gesundheitsunterricht auf dem Lehrplan. KV-Projektbetreuerin Dr. Ellen Harnisch (rechts) verfolgt den Unterricht. Fotos: ami

Ärzte gehen in eine Schule und sprechen mit Schülern über Gesundheitsprobleme. Sie unterrichten sie in Fragen der Sexualität, geben Nachhilfe bei Suchtvorbeugung und gesunder Lebensführung und stehen als Ansprechpartner bei Problemen nicht nur den Schülern, sondern auch Eltern und Lehrern zur Verfügung. Die Schulpatenschaft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin ist nach Ansicht der Beteiligten ein Erfolgsmodell, das Schule machen sollte.

Von Angela Mißlbeck

Plädoyer für Gesundheitserziehung: Dr. Renate Diedrichs, Hausärztin aus Berlin.

Der 18jährige Erdogan hat häufig Schmerzen an der rechten Schulter. Der 16jährigen Tanja hat ein Sonnenbrand so zugesetzt, daß sie wissen will, was sie tun kann, wenn es wieder passiert. Die 17jährige Belize fragt, was sie machen soll, wenn ihr Kleinkind über 40 Grad Fieber hat.

In der Klasse 10/4 der Werner-Stefan-Oberschule steht Gesundheitsunterricht auf dem Lehrplan. Aus der Türkei, Laos, Vietnam, Rußland und Afrika sind die knapp 20 Jugendlichen vor wenigen Jahren in die Förderklasse der Integrationsschule in Berlin-Tempelhof gekommen. Nach diesem Schuljahr verlassen sie die Schule, an der sie Deutsch gelernt haben.

Um den Schülern für den Schulabgang Gesundheitswissen mit auf den Weg zu geben, hat Schulleiterin und Klassenlehrerin Hannelore Weimar bei der KV Berlin angefragt, ob ein Arzt mit den Schülern über den Umgang mit Medikamenten sprechen könnte. "Es kommt besser an, wenn nicht die Lehrer, sondern ein Fachmann von außen das macht", sagt Hannelore Weimar. Bei einem zweiten Termin stehen Techniken zur Streßbewältigung auf dem Lehrplan.

"Gerade Hauptschüler sind häufig krank. Bei ihnen wird zuhause oft nicht so sehr auf die Gesundheit geachtet", sagt die Schulleiterin. Die von der KV bestellte Betreuerin der Schulpatenschaft, Dr. Ellen Harnisch, ergänzt: "Viele von ihnen haben nicht einmal einen Hausarzt."

Eine Schülerin fragt Harnisch nach dem Namen einer Gynäkologin, die einmal in der Klasse war. Daß die Jugendlichen die Scheu vor einem Arztbesuch überwinden, ist ein Ergebnis der Kooperation. Schließlich lernen sie durch die KV-Patenschaft etliche niedergelassene Ärzte kennen, sei es bei Aktionstagen, in besonderen Unterrichtsstunden oder weil sie in der Patenklasse sind, die kontinuierlich von einem Arzt betreut wird.

Heute kommt eine Hausärztin aus Tempelhof in die Klasse 10/4. Im Vorfeld der ungewöhnlichen Unterrichtsstunde haben die Schüler Fragen zur Behandlung bei Schmerzen und dem Umgang mit Medikamenten gesammelt. "Schön, daß ihnen so viel eingefallen ist", freut sich Dr. Renate Diedrichs, Hausärztin und Psychotherapeutin. Eine Stunde lang beantwortet sie die Fragen der Schüler.

Pickel? "Da fragen Sie eine Expertin mit langjähriger Selbsterfahrung", witzelt Diedrichs trocken, bevor sie erklärt, wie die Pusteln entstehen. Magenschmerzen, Haarausfall, die Pille für den Mann, Alternativen zur Brille, Ohrenschmerzen im Flugzeug, Hautkrebs-Erkennung - das Spektrum der Fragen ist groß. Nie versäumt Diedrichs, darauf hinzuweisen, was jeder selbst gegen Krankheiten tun kann: viel Bewegung, gesundes Essen, nicht rauchen.

"Gesundheitserziehung ist so wichtig. Den Kindern das beizubringen, halte ich für eine ärztliche Pflicht", meint die Hausärztin. Schulleiterin Weimar bestätigt: "Die Schüler beschäftigen sich mit den Themen. Sie sprechen die Lehrer nach so einer Stunde darauf an und reden auch miteinander darüber."

Beide sind sich einig: Die KV-Schulpatenschaft könnte Modell stehen für ähnliche Projekte. "Befreundete Lehrer begrüßen es sehr, daß Ärzte in Schulen gehen", berichtet Diedrichs. Schulleiterin Weimar hat in den zwei Jahren seit Beginn der Kooperation "absolut positive Erfahrungen" gemacht.

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