Ärzte Zeitung, 10.11.2005

Große Schwächen vor Einschulung

Jedes dritte Kind kann keine einfachen Sätze und Ziffernfolgen nachsprechen

MÜNCHEN/MANNHEIM (sto). Nahezu jedes dritte Kind ist bei der Einschulung nicht in der Lage, einfache Sätze, Ziffernfolgen und Kunstwörter fehlerfrei nachzusprechen. Das haben Schuleingangsuntersuchungen in Mannheim ergeben, in denen auch die Sprachkompetenz der Kinder getestet wurde.

Jährlich nehmen in Mannheim etwa 2900 Kinder zwischen fünf und sieben Jahren an den Schuleingangsuntersuchungen teil, in die seit dem Jahr 2002 auch ein spezielles Screening integriert ist, um Kinder mit drohenden Problemen beim Erwerb der Schriftsprache zu erkennen, berichtete der Kinderarzt Dr. Peter Schäfer vom Gesundheitsamt Mannheim bei einem Symposium des Instituts für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Universität München, der Stiftung Kindergesundheit und des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Etwa 28 Prozent der Kinder benötigen aufgrund der Screeningergebnisse aus Mannheim eine Sprachförderung, und etwa fünf Prozent werden als therapiebedürftig eingeschätzt, berichtete Schäfer. Kinder, die mit der Muttersprache Deutsch aufgewachsen sind, erzielen bessere Ergebnisse, Kinder aus schwächeren sozialen Schichten bringen geringere Leistungen.

Bei Migrantenkindern gibt es zwischen den einzelnen Nationalitäten erhebliche Unterschiede. Unabhängig von diesen Faktoren wirkt sich der Kindergartenbesuch auf jeden Fall positiv auf die Sprachentwicklung aus. "Je länger, desto besser", so Schäfer.

Umstritten ist die Frage, ob Fernsehen die Kinder sprachlos macht. Aus Schuleingangsuntersuchungen in vier Landkreisen in Bayern, bei denen auch nach Satz- und Wortbildungsstörungen gefahndet wurde, ergibt sich, daß der eigene Fernseher im Kinderzimmer von Vorschulkindern der größte Risikofaktor für solche Störungen ist, berichtete Dr. Michael Toschke von der Universität München. Immerhin hat nach dieser Erhebung jedes sechste Vorschulkind in Bayern einen Fernseher in seinem Zimmer, in Mannheim sind es sogar 25 Prozent.

Protektiv wirkt hingegen häufiges Vorlesen. Mindestens zwei Stunden pro Wochen sollten es aber schon sein, empfahl Toschke.

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