Ärzte Zeitung, 20.12.2005

Eltern erkennen oft als erste, ob Kinder Hörstörungen haben

Bei Mittelohrschwerhörigkeit erster Verdacht, wenn Kind 20 Monate alt ist / Plädoyer für flächendeckendes Neugeborenen-Hörscreening

NEU-ISENBURG (hub). Hörstörungen bei Kindern im frühen Alter werden meist von den Eltern vermutet, bestätigte eine Auswertung des Göttinger Hör-Sprach-Registers. Bis zur Diagnosestellung vergeht jedoch meist ein Jahr oder mehr.

Bei Säuglingen raten Spezialisten zum Hörtest und empfehlen ein generelles Neugeborenen-Screening. Foto:BilderBox

"Eltern sind die beste Verdachtsinstanz für die Hörstörung ihres Kindes", so Professor Christiane Kiese-Himmel von der Uni Göttingen. Gemeinsam mit Professor Eberhard Kruse hat sie Daten von 185 hörgestörten Kindern des Göttinger Registers ausgewertet (HNO 9, 2005, 810).

155 Kinder hatten eine Schallempfindungsstörung (Innenohrschwerhörigkeit) unbekannter Ursache, 30 wiesen eine Schalleitungsstörung (Mittelohrschwerhörigkeit) auf. Letztere war fast immer durch Fehlbildungen des äußeren und des Mittelohrs bedingt.

Bei nahezu jedem zweiten aller hörgestörten Kinder hatten zuerst die Eltern den Verdacht, bei 25 Prozent war es der Kinderarzt, in jeweils 7 Prozent erfolgte dies durch HNO-Ärzte oder bei Schuleingangsuntersuchungen und in 6 Prozent durch Geburtshelfer. Bei den 25 Kindern mit Mittelohrschwerhörigkeit lagen mit 44 Prozent die Pädiater vor den Geburtshelfern mit 32 Prozent und den Eltern (20 Prozent).

Das durchschnittliche Verdachtsalter für eine Innenohrschwerhörigkeit lag bei 38, das Diagnosealter bei 51 Monaten. Bei Kindern mit Mittelohrschwerhörigkeit betrug das Verdachtsalter im Mittel 9 Monate, das Diagnosealter 20,5 Monate.

Die Versorgung mit einem Hörgerät erfolgte im Mittel innerhalb von zwei Wochen nach der Diagnose. Damit lag zwischen dem Verdacht und der Diagnosestellung eine Verzögerung von 12 bis 13 Monaten.

Ob Eltern bei ihrem Kind eine Schwerhörigkeit vermuten, hängt vom Grad der Störung ab. Je schwerer die Hörstörung des Kindes, desto eher wird diese auch bemerkt: Bei Kindern mit Gehörlosigkeit oder mit an Taubheit grenzender Resthörigkeit vermuteten dies 77 Prozent der Eltern. Aber auch bei leichtgradigen Störungen hegten immerhin noch 41 Prozent der Eltern den Verdacht einer Hörstörung.

Eltern mit dem Verdacht einer Hörstörung ihres Kindes müßten ernst genommen und der Verdacht durch pädaudiologische Fachdiagnostik überprüft werden, so Kiese-Himmel. Eine frühest mögliche Diagnose einer Hörstörung sei jedoch auch so nicht zu realisieren. Dies ginge ausschließlich über die Etablierung eines universellen Neugeborenen-Hörscreenings, was flächendeckend bisher jedoch nur in Hamburg und Rheinland-Pfalz erfolge.

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Innenohr- und Mittelohrschwerhörigkeit

Innenohrschwerhörigkeit: auch Labyrinthschwerhörigkeit, sensorische/ kochleäre Schwerhörigkeit. Ursache ist eine Störung der Schallempfindung im Innenohr, die alle Frequenzen betreffen kann; Luft- und Knochenleitung sind gleichstark betroffen; die Altersschwerhörigkeit ist eine typische Innenohrschwerhörigkeit, bei der hohe Töne besonders schlecht gehört werden.

Mittelohrschwerhörigkeit: auch Schalleitungsstörung, Schalleitungsschwerhörigkeit. Ursache ist eine Störung der Schallübermittlung zwischen äußerem Gehörgang und Mittelohr (etwa bei Trommelfelldefekten) oder Mittelohr und Innenohr (etwa bei Tympanosklerose); betrifft nur die Luftleitung; beim Rinne-Versuch wird die Knochenleitung länger und lauter gehört als die Luftleitung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Gröhes Sonnenschein-Politik

Bei der Eröffnung des Ärztetags weiß sich der Gesundheitsminister bei Partnern. Kritik hat Gröhe nur für den Koalitionspartner übrig und freut sich auf ein Wiedersehen beim Ärztetag 2018. mehr »

Berichte, Videos und Tweets rund um den Deutschen Ärztetag

Begleiten Sie den 120. Deutschen Ärztetag in Freiburg mit uns online. Die "Ärzte Zeitung" berichtet vom 23.-26.5. live und aktuell über alle wichtigen Ereignisse und Debatten. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »