Ärzte Zeitung, 19.10.2006

HINTERGRUND

Bei Kindern ist Blutdruckmessen nach Riva-Rocci am Oberarm die beste Technik für aussagekräftige Werte

Von Thomas Meißner

Pädiater müssen sich immer häufiger mit erhöhten Blutdruckwerten bei Kindern befassen. Wie man allerdings den Blutdruck richtig mißt, ist keinesfalls trivial: Nicht nur wegen der zu wählenden Manschettenbreite oder des Weißkittel-Hochdrucks, sondern auch wegen Geräten, deren Meßergebnisse gravierend unterschiedlich sein können, aber auch wegen der teilweise problematischen Bewertung der Meßergebnisse.

Blutdruckmessung bei einem Mädchen. Wichtig, um aussagekräftige Werte zu bekommen, ist auch die richtige Manschettenbreite. Foto: sko

"Den Blutdruck messen? Das macht bei uns die jüngste Schwester!" - Diese Praxis sei weit verbreitet, sagt Privatdozent Martin Bald vom Olgahospital Stuttgart. Manchmal messe auch einfach "nur das Gerät". Bald, der die Beschäftigung mit der Blutdruckmessung als sein Hobby bezeichnet, findet das problematisch. So könne schon die Entscheidung, eine 7 cm oder eine 9,5 cm breite Oberarm-Manschette zu verwenden, zu Meßunterschieden von 5 bis 6 mmHg führen.

Unklarheiten gibt es nach seinen Erfahrungen dann auch beim Blutdruckmessen selbst. Welcher Korotkoff-Ton sollte für die Bestimmung des diastolischen Wertes verwendet werden - derjenige, wenn es beginnt, leiser zu werden oder derjenige, wenn das Geräusch ganz verschwunden ist? Und inwieweit kann man sich hier auf automatische Meßgeräte verlassen?

Automaten registrieren Druckschwankungen

Um mit der letzten Frage zu beginnen: Gar nicht! Denn die Automaten messen oszillometrisch, registrieren also die Druckschwankungen unter der Manschette und bestimmen den Mitteldruck. Der systolische und der diastolische Wert würden dann vom Gerät nach einer vorgegebenen Formel errechnet, sagte Bald beim Jahreskongreß der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz. Die Berechnungsalgorithmen seien von Gerät zu Gerät verschieden. Selbst Geräte von ein und demselben Hersteller lieferten Meßunterschiede von durchschnittlich 10 mmHg, so der Kinderarzt.

    Oberschenkel ist als Meßort nicht geeignet.
   

Zudem gebe es für die oszillometrische Messung keine Perzentilen, anhand derer der Blutdruck bei Kindern geschlechts- und größenadaptiert bewertet wird, da große Normwertstudien fehlen. Alle epidemiologischen Daten sind mit der Meßmethode nach Riva-Rocci erhoben worden. Auch der Messung am Handgelenk erteilte Bald eine Absage.

In eigenen Vergleichstests mit zwei Geräten habe er bei ein und demselben Kind Meßunterschiede von bis zu 20 mmHg systolisch festgestellt. Weiterhin raten Kinderärzte von der teilweise beliebten Messung am Oberschenkel ab. Es gebe kaum Daten zur richtigen Manschettenbreite. "Auf die Meßergebnisse ist kein Verlaß", betonte Bald.

Was gilt nun für die Blutdruckmessung bei Kindern und Jugendlichen?

  • Die korrekte Blutdruckmessung sollte nach wie vor nach der Riva-Rocci-Methode erfolgen. Ausnahme sind Kinder unter vier Jahren, bei denen das oft schwer praktikabel ist und bei denen bei Bedarf doch Automaten verwendet werden müssen. Die klassischen Quecksilber-Sphygmomanometer sind inzwischen komplett von Aneroid-Manometern abgelöst worden, die ebenso präzise arbeiten.
  • Gemessen wird in sitzender Position am rechten, abgestützten Oberarm. Der junge Patient sollte nicht gerade ins dritte Stockwerk gelaufen sein, sondern sich seit mindestens drei bis fünf Minuten in Ruhe befinden.
  • Die Manschette muß nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga bequem am unbekleideten Oberarm sitzen und mindestens zwei Drittel der Oberarmlänge (Akromion bis Olekranon) bedecken. Die Ablaßgeschwindigkeit der Luft soll bei relativ langsamen 2 bis 3 mmHg pro Sekunde liegen. Der systolische Wert wird beim ersten Korotkoff-Ton, der diastolische Wert beim kompletten Verschwinden des Geräusches abgelesen, und zwar auf 2 mmHg genau, forderte Bald.

Für die Bewertung des gemessenen Druckes liegen epidemiologische Querschnittsstudien aus Nordamerika und Europa vor. Eine Hypertonie-Definition wie bei Erwachsenen existiert bei Kindern und Jugendlichen nicht. Dementsprechend gebe es verschiedene Ansichten darüber, was denn nun ein erhöhter Blutdruck oder eine Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen sei, sagte Bald.

Nach Definition der Deutschen Hochdruckliga liegt eine Hypertonie vor, wenn der Blutdruck bei drei Messungen an verschiedenen Tagen konsistent über der 95. Perzentile oder über 140/80 mmHg liegt. Der Pädiater legt Wert darauf, die Blutdruckwerte nicht auf das Alter der Kinder, sondern auf die Körpergröße zu beziehen, da es besondere in der Pubertät vereinzelt zu Entwicklungsverzögerungen kommen kann.

Validierte Geräte für Kontrollen zuhause fehlen

Bei einer Weißkittel-Hypertonie rät Bald, den Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren. Denn von Erwachsenen wisse man, daß 20 bis 30 Prozent dieser Personen innerhalb von zwei bis fünf Jahren eine echte Hypertonie entwickelten. Bei grenzwertigen Einzelmessungen sollte zudem eine 24-Stunden-Langzeitmessung erfolgen. Der Bewertung erfolgt anhand gesonderter Perzentilen-Tabellen sowie getrennt für Tag und Nacht.

Sehr wichtig findet Bald auch die Blutdruckmessung zu Hause zur Therapie-Überwachung. Allerdings fehlten hier validierte Geräte und allgemeinverbindliche Standards, um die Meßwerte zu beurteilen.

Weitere Infos im Internet unter: www.paritaet.org/rr-liga/kind.htm

FAZIT

Auswertbare Blutdruck-Meßergebnisse bei Kindern erhält man nur mit der klassischen Methode nach Riva-Rocci. Bei Verwendung von Automaten zur Blutdruckmessung kann sich der behandelnde Arzt nicht sicher sein, tatsächlich aussagekräftige Werte gemessen zu haben. Es existieren insgesamt zu wenig wissenschaftliche Daten, die Aussagen über die medizinische Relevanz der gemessenen Blutdrücke bei Kindern und Jugendlichen zulassen.

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