Ärzte Zeitung, 02.11.2006

Erhöhte Skoliose-Inzidenz nach Herz-Op bei Kindern

Röntgenbilder von 365 Kindern ausgewertet / Das Skolioserisiko ist unabhängig von der Art des operativen Eingriffs

BERLIN (ner). Kinder, die eine Herz-Op hatten, entwickeln später überdurchschnittlich oft eine thorakale Skoliose.

Kardiologische Untersuchung nach Herz-Op. Auch ein Besuch beim Orthopäden ist sinnvoll. Foto: Bernd Thissen

Das sei unabhängig von der Art des operativen Zugangsweges und der Zahl der Re-Eingriffe, berichten Dr. Tobias L. Schulte von der Orthopädischen Uniklinik in Münster und seine Kollegen. Das Team hat Röntgenbilder von 359 Kindern ausgewertet.

Bei ihnen war im Alter unter zwölf Jahren ein Eingriff am offenen Thorax wegen angeborener Herzerkrankungen notwendig geworden. Dabei sei bei insgesamt 146 Patienten, also bei 41 Prozent der untersuchten Kinder, innerhalb von durchschnittlich elf Jahren eine links- oder rechtskonvexe Verkrümmung der Brustwirbelsäule erkannt worden. Das haben die Kollegen beim Deutschen Kongreß für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin gesagt.

Bei 62 Patienten (17 Prozent) ermittelten sie einen Cobb-Winkel von mindestens 10 Grad, was als manifeste Skoliose angesehen wird. Im Durchschnitt waren es in dieser Gruppe 25,6 Grad. Als Indikation zur Orthesenbehandlung gelten Skoliosen ab einem Cobb-Winkel von mehr als 15 Grad bei noch nicht abgeschlossenem Wachstum.

In anderen Studien lag die Skoliose-Inzidenz übrigens zwischen elf und 39 Prozent. Was den Orthopäden auffiel: Thorakale Hyperkyphosen traten in ihrer Untersuchung nicht häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt auf. Damit bestätigt sich der Verdacht, daß herzchirurgische Op bei Kindern das Risiko für spätere Wirbelsäulendeformitäten erhöhen.

Eine eindeutige Erklärung für die erhöhte Skoliose-Inzidenz gibt es nicht. Vermutet werde, daß es infolge der teilweise mehrfach erforderlichen Operationen mit Spaltung des Sternums und/oder Thorakotomie zu Wachstumsstörungen im Thoraxbereich komme, so Schulte zur "Ärzte Zeitung". Es sei allerdings bekannt, daß bei kongenitalen Herzerkrankungen auch ohne Op vermehrt Skoliosen aufträten. Diese Inzidenz ist nach Op jedoch noch einmal erhöht.

Eltern von operierten Kindern sollten vor allem in Phasen starken Körperwachstums (Pubertät) bis zur Skelettreife etwa einmal jährlich einen Orthopäden aufsuchen, empfiehlt Schulte. In den Kontrolluntersuchungen sollte ein besonderes Augenmerk der Wirbelsäule gelten.

Weitere Informationen unter: www.skoliose-info-forum.de

STICHWORT

Cobb-Winkel

Mit dem Cobb-Winkel wird in Grad beschrieben, wie stark ausgeprägt ein Skoliose-Bogen, eine Kyphose oder eine Lordose ist.

Das Röntgenbild sollte möglichst im Stehen angefertigt werden. Auf dem Bild wird dann vermessen, in welchem Winkel die Wirbeldeckplatten der jeweils schiefsten Wirbel (zur Horizontalen) am Anfang und Ende eines Bogens zueinander stehen. (eb)

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