Ärzte Zeitung, 06.11.2006

Initiativen wider die Gewalt gegen Kinder

Das Bundesfamilienministerium startet zwei Modellprojekte / Unicef: Nur jeder zweite Staat schützt Kinder

BERLIN (HL). Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen will in zwei vom Bund geförderten Modellvorhaben die Zusammenarbeit von Ärzten, Hebammen, Sozialarbeitern und Jugendämtern verbessern. Vor dem Hintergrund des durch Mißhandlung seiner Eltern zu Tode gekommenen Kevin im Bremen mahnte die Ministerin zu einer neuen Fehlerkultur in Deutschland: Fehler seien unvermeidbar - man müsse daraus aber lernen.

Gemeinsam gegen Kindesmißhandlung: Ministerin Ursula von der Leyen und die Schauspieler Klaus J. Behrendt (links) und Joe Bausch (3. von rechts). Foto: ddp

Notwendig sei eine engere Verzahnung der Arbeit von Kinderärzten sowie der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort. In erster Linie sei dies eine Aufgabe der Kommunen und der Länder. Der Bund wolle aber Erfahrungen aus Modellprojekten auswerten, neue Forschung vorantreiben und die Länder und Kommunen dabei unterstützen, vorhandenes Know how flächendeckend nutzbar zu machen, so von der Leyen am Freitag bei der Vorstellung zweier vom Bundesfamilienministerium unterstützten Modellprojekte. Dafür stellt die Bundesregierung zehn Millionen Euro zur Verfügung.

Etwa 126 Millionen Kinder weltweit arbeiten unter gefährlichen Bedingungen wie diese Kinder in einer Mine in Peru. Foto: UNICEF / Alejandro Balaguer

Konkret geht es dabei um das von Professor Jörg Fegert von der Universität Ulm entwickelte Projekt "Guter Start ins Kinderleben". Daran beteiligen sich Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Thüringen. Das Ziel ist, vorhandene Angebote der Kinder- und Jugendhilfe systematisch zu vernetzen. Ein wichtiger Baustein ist die Entwicklung gemeinsamer Begriffe durch ein einheitliches Glossar und eine einheitliche Risikodefinition, die Ärzten, Sozialpädagogen und Jugendämtern Indizien für Kindesvernachlässigung geben. Außerdem sollen Eltern, die unter sehr belastenden Bedingungen leben, speziell geschult werden.

Das zweite Modellprojekt startet zunächst in Niedersachsen an fünf Orten. Es wurde, so der Initiator von "Pro Kind", Professor Christian Pfeiffer, aus den USA kopiert und setzt auf gesundheitliche Prävention schon während der Schwangerschaft. Dabei werden erstgebärende Schwangere, die sich in einer sozialen Problemlage befinden, die minderjährig sind, keine Schul- oder Berufsausbildung haben oder Gewalt in der Familie ausgesetzt sind, gezielt von Hebammen oder Sozialpädagogen betreut.

Zwangsuntersuchungen oder verschärfte Meldepflichten lehnen von der Leyen und die beiden Experten ab. Sie führten erfahrungsgemäß zu keiner Verbesserung für die betroffenen Kinder.

Zeitgleich stellte Unicef Ergebnisse einer weltweiten Studie über Gewalt gegen Kinder vor. So ist lediglich in 102 von 200 untersuchten Staaten körperliche Disziplinierung verboten. In 31 Ländern sind körperliche Strafen vom Auspeitschen bis hin zu Amputationen möglich. Weltweit schätzt Unicef die Zahl ermordeter Kinder auf 53 000. Etwa 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen würden sexuell mißbraucht. Über eine Million Kinder sind inhaftiert. Prominente Schauspieler wie der "Tatort"-Kommissar Klaus Behrend haben dagegen den Kinderrechts-Verein "Tatort - Straßen der Welt e.V." gegründet.

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