Ärzte Zeitung, 18.12.2006

HINTERGRUND

Nützen Antioxidantien und Demenz-Mittel bei Down-Syndrom?

Von Philipp Grätzel von Grätz

Wie alle Eltern wollen auch Eltern von Kindern mit Down-Syndrom nur das Beste für ihren Nachwuchs. Beim Down-Syndrom (Trisomie 21) gehören dazu Versuche, den Krankheitsverlauf durch Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente günstig zu beeinflussen. Dazu gibt es durchaus vielversprechende Ansätze. Angemessen evaluiert wurde bisher aber keine der Strategien.

Der Blick in die Literatur ist zunächst ernüchternd: "Nur die wenigsten Studien in diesem Bereich erfüllen die Ansprüche an kontrollierte klinische Untersuchungen", sagte Dr. Eva Stierkorb von der Uniklinik Homburg/Saar bei einer Veranstaltung der Stiftung für das behinderte Kind in Berlin. "Und die, die den Standards gerecht werden, waren bisher ausnahmslos ohne Effekt, egal ob Nahrungsergänzungsstoffe oder Medikamente untersucht wurden." Dennoch sei die Grundlage für die Ansätze meist plausibel, so Stierkorb.

Ein Enzym, das oxidativen Streß auslöst, ist stärker aktiv

So sei nachgewiesen, daß bestimmte Enzyme, die auf dem überschüssigen Chromosom 21 codiert werden, um 30 bis 50 Prozent stärker aktiv sind als bei Menschen ohne eine Trisomie 21. Dazu gehört etwa die Superoxiddismutase. Deren Aktivität wird als Grund dafür angesehen, daß bei Menschen mit Down-Syndrom vermehrt freie Radikale in verschiedenen Geweben nachweisbar sind, im Gewebe also oxidativer Streß entsteht. Das wiederum könnte Ursache der für Betroffene und Angehörige belastenden Infektanfälligkeit von Trisomie-21-Kindern sein.

    Infekte sollen verhindert, kognitive Fähigkeiten gestärkt werden.
   

"Behandlungen mit Antioxidantien zur Nahrungsergänzung war aber bisher in kontrollierten Studien kein Erfolg beschieden", so Stierkorb. Allenfalls Surrogatparameter ließen sich günstig beeinflussen. So führte die Therapie mit Vitamin E in vitro zu einer Verringerung der bei Down-Syndrom häufigen Chromosomenschäden in Lymphozyten. Eine Selen-Therapie konnte in einer offenen Studie die Infekthäufigkeit reduzieren. Allerdings war die Gruppe mit 48 Teilnehmern zu klein und die Follow-up-Zeit mit sechs Monaten zu kurz, um Rückschlüsse ziehen zu können. Zink beeinflußte die Häufigkeit von Infekten in einer Placebo-kontrollierten Studie mit 64 Patienten und einer Follow-up-Zeit von einem Jahr nicht.

Bald Daten zur Wirkung von Antioxidantien erwartet

Aufgrund der momentanen Datenlage hält Stierkorb die Anwendung von Antioxidantien bei Kindern mit Down-Syndrom vorläufig nicht für gerechtfertigt. Allerdings werden in wenigen Monaten die Ergebnisse einer vierarmigen, randomisiert-kontrollierten Studie aus England bei 156 Kindern mit Down-Syndrom erwartet. Darin werden mehrere antioxidative Strategien evaluiert, und die Kinder werden mindestens 18 Monate lang nachbeobachtet.

Auch die Erfahrungen mit medikamentösen Therapien bei Down-Syndrom sind noch begrenzt. Einer der interessantesten Kandidaten ist derzeit das aus der Therapie bei Morbus Alzheimer bekannte Antidementivum Donepezil. Der Hintergrund: Bei Down-Syndrom ist die Synthese des Beta-Amyloid-Vorläuferproteins gesteigert, des Proteins also, aus dem sich Alzheimer-Plaques entwickeln. Auch ist bekannt, daß Menschen mit Down-Syndrom im Mittel früher an Morbus Alzheimer erkranken als Menschen ohne Trisomie 21.

Der Cholinesterasehemmer Donepezil wurde schon in sechs klinischen Studien bei Down-Syndrom erprobt. Allerdings hatten die Studienteilnehmer schon zu Beginn Alzheimer-Symptome. "Der Effekt war gut: Sowohl auf die Entwicklung der Demenz als auch auf die sprachlichen Fähigkeiten hatte die Therapie günstige Effekte", so Stierkorb. Rückschlüsse auf einen möglichen präventiven Nutzen der Therapie ließen sich daraus aber noch nicht ziehen.

Auch die Effekte von Piracetam - ein weiteres Demenz-Mittel - auf die kognitiven Fähigkeiten wurde bereits bei Kindern mit Down-Syndrom in einer randomisierten, Placebo-kontrollierten Studie geprüft. Ergebnis: In 14 validierten Tests gab es in Hinblick auf die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten der Kinder mit Trisomie 21 keine Unterschiede zwischen den Studienarmen, so Stierkorb.

"Insgesamt können wir sagen, daß die derzeitige Studiensituation zur kognitiven oder infektpräventiven Begleittherapie bei Down-Syndrom der Häufigkeit der Trisomie 21 in keiner Weise gerecht wird", so Stierkorbs Fazit. Sie empfiehlt, bei Nahrungsergänzungsstoffen, die Infekte verhindern sollen, zurückhaltend zu sein, bis die Ergebnisse der Studie aus England vorliegen. Auch eine medikamentöse Therapie zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit könne derzeit noch nicht empfohlen werden.

Weitere Infos im Web: www.stiftung-behindertes-kind.de

STICHWORT

Down-Syndrom

In Deutschland werden jährlich etwa 1000 Kinder mit Down-Syndrom (Trisomie 21) geboren. Insgesamt leben in der Bundesrepublik etwa 50 000 Betroffene. Früher starben drei Viertel von ihnen vor der Pubertät, heute beträgt die Lebenserwartung etwa 60 Jahre. Namensgeber des Syndroms ist der englische Arzt John Langdon Down, der die Symptome 1866 erstmals beschrieben hat. (eb)

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