Ärzte Zeitung online, 14.10.2008

Kinderärzte schlagen Alarm: Randgruppen fallen durchs Vorsorge-Raster

BAD ORB (dpa). Deutschlands Kinder- und Jugendärzte beklagen dramatische Fehlentwicklung bei der Versorgung Heranwachsender. Die Vorsorge-Untersuchungen, mit denen Krankheiten und Auffälligkeiten frühzeitig erkannt werden sollen, griffen nicht weit genug. Vor allem Kinder aus unteren sozialen Schichten seien schlecht versorgt.

"Die Zwei-Klassen-Medizin muss ein Ende haben", forderte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann, bei einem Kongress im osthessischen Bad Orb.

In Deutschland wächst eine Generation von der Gesellschaft vergessener Kinder heran

Zudem werde gegen Kindesmisshandlung- und Vernachlässigung noch immer nicht flächendeckend vorgegangen.

Der Verband, dem 10 000 Mitglieder angehören, beobachtet mit Sorge, dass in Deutschland eine Generation von Kindern heranwächst, die von der Gesellschaft vollständig vergessen zu werden droht. Es seien Kinder, die täglich achtlos viele Stunden vor dem Fernseher "geparkt" würden, mit denen niemand spreche und spiele, denen keiner vorlese. Dadurch komme es zu schweren Entwicklungsstörungen, die zu lebenslangen Belastungen führten. Kindertagesstätten und Kindergärten müssten verstärkt in ein "gesamt-gesellschaftliches Bildungskonzept einbezogen" werden, lautet eines der Rezepte der Ärzte.

Kranke Kinder, die durch das Raster der Vorsorge fallen, haben eine düstere Zukunft vor sich

Kranke Kinder, die durch das Raster der Vorsorge fielen, hätten eine düstere Zukunft vor sich. "Die haben dann eine ganz schlechte Entwicklungsprognose", warnt Bundesverbandssprecher Dr. Uli Fegeler, der als niedergelassener Arzt in Berlin-Spandau die Klientel genau kennt. Bis zu zehn Prozent der jungen Patienten hätten mit Sprachstörungen zu kämpfen. Wenn diese nicht behandelt würden, gehörten die Patienten von heute bald zu den bundesweit jährlich 80 000 Schulabbrechern.

Wer wird die Heranwachsenden künftig behandeln?

Ein weiteres Problem: Wer wird die Heranwachsenden künftig behandeln? Es ist laut Hartmann absehbar, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre eine flächendeckende Versorgung durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte nicht mehr gesichert ist. Schon heute hätten etwa 35 Prozent der aus Altersgründen frei werdenden Kinder- und Jugendarztpraxen keinen Nachfolger. In den neuen Bundesländern seien sechs von zehn Praxen ohne Nachfolger.

Allgemeinmediziner könnten die Kinder und Jugendlichen nicht adäquat behandeln. "Diesen umfassenden Überblick über das breite Spektrum der Kinder- und Jugendmedizin kann ein Allgemeinarzt während seiner Weiterbildung nicht erwerben", ist sich Hartmann sicher. Vor allem die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befinde sich in großer Gefahr, sagte Hartmann. Denn viele Ärzte seien nicht bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil sozialer Randgruppen niederzulassen, weil sie dort mit den Honoraren der gesetzlichen Krankenkassen nicht auskämen.

Die kritisierte "Zwei-Klassen-Medizin" zeigt sich laut Hartmann an vielen Ecken und Enden

Die kritisierte "Zwei-Klassen-Medizin" zeigt sich laut Hartmann an vielen Ecken und Enden. Exemplarisch: Während Privatversicherte vom zweiten bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, haben gesetzlich versicherte Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren keinen Anspruch auf entsprechende Untersuchungen.

Kongress: http://kongress.bvkj.de;

Verband: www.kinderaerzte-im-netz.de

Lesen Sie dazu auch:
Einladung zur Kindervorsorge verpflichtend

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »

Wer nicht hören will, den soll die Kita künftig melden

Prävention mit Drohgebärden: Künftig will das Bundesgesundheitsministerium nicht nur mit Bußgeld drohen, sondern auch die Kitas einspannen, um die Verweigerer einer verpflichtenden Impfberatung herauszufischen. mehr »