Ärzte Zeitung, 18.07.2006

HINTERGRUND

Statt Tabletten Akupunktur - bei Gonarthrose wirkt das oft gut

Von Ingeborg Bördlein

Ab Oktober wird Akupunktur bei chronischen Knieschmerzen und Rückenschmerzen von den gesetzlichen Kassen bezahlt. Das hat, wie berichtet, der Gemeinsame Bundesausschuß (G-BA) beschlossen. Grundlage der Entscheidung sind die Ergebnisse der gerac-Gonarthrose- sowie der Rückenschmerz-Studie, zwei von vier kontrollierten gerac (German Acupuncture Trials)-Studien. Der Beschluß des G-BA sowie die Studienergebnisse werden indes von Kollegen sehr kontrovers diskutiert.

Die gerac-Knie-Studie wurde jetzt öffentlich vorgestellt

Um Fehlinterpretationen entgegen zu treten, haben Wissenschaftler, die an der Gonarthrose-Studie beteiligt waren, und ein G-BA-Vertreter in Heidelberg die Studie der Öffentlichkeit vorgestellt und ihre Ergebnisse erläutert.

Insgesamt mehr als 1000 Patienten mit Gonarthrose erhielten entweder eine Akupunktur nach den Kriterien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder eine Sham-Akupunktur (minimal-invasive Nadelung an Nichtakupunktur-Punkten). Die dritte Gruppe erhielt eine Standardtherapie mit Medikamenten und Krankengymnastik.

Beurteilt wurden Schmerzen und Gelenkfunktionen mit einem international anerkannten Score (WOMAC). Wichtigstes Ergebnis: Akupunktur besserte bei signifikant mehr Patienten die Score-Werte um mindestens 36 Prozent (Zielkriterium) als die Standardtherapie. Aber: Es gab keinen signifikanten Wirkunterschied zwischen den beiden Akupunkturformen.

Professor Norbert Victor, an dessen Institut für Medizinische Biometrie und Informatik (IMBI) der Uni Heidelberg die Studie geplant, gemacht und ausgewertet wurde, betonte die hohe Qualität der Studie im Hinblick auf das harte Zielkriterium, die große Zahl der Patienten und die gute Datenqualität.

Es sei zum Beispiel besonderer Wert auf ähnliche Bedingungen für beide Akupunkturformen gelegt worden. Die Kollegen waren sowohl in TCM- als auch in Sham-Akupunktur geschult; Durchmesser und Typ der Nadeln sowie die Behandlungsdauer waren gleich.

Die Standardtherapie bei Gonarthrose ist unbefriedigend

Mit dem klinischen Studienleiter Professor Hanns-Peter Scharf von der Orthopädischen Universitätsklinik Mannheim war sich Victor einig, daß die derzeitige Standardtherapie bei Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Gonarthrose unbefriedigend und die Akupunktur deutlich überlegen sei.

Überraschend sei, daß zwischen der klassischen chinesischen Methode und der Sham-Akupunktur kein Unterschied in der Wirksamkeit bestehe. Dieses Ergebnis hatte Kritiker auf den Plan gerufen, die das Fehlen einer spezifischen Wirksamkeit der Akupunktur bemängeln und folgern, es sei letztlich egal, wohin und wie man steche.

Victor zieht andere Schlüsse: Ein spezifischer Akupunktureffekt der TCM könne zwar nicht nachgewiesen werden, aber dies bedeute nicht, daß das wahllose Stechen an anderen beliebigen Nichtakupunktur-Punkten ebenso wirksam sei.

Er geht davon aus, daß es sich bei der Sham-Akupunktur mit oberflächlichen Nadelstichen an ausgewählten Punkten im Bereich der Knöchel, der Oberschenkel und an den Armen wohl um eine neue Art einer minimal-invasiven Akupunktur handele, die, obwohl nicht den Vorschriften der TCM entsprechend, dennoch wirksam sei. Außerdem war Studienziel nicht der Nachweis des Wirkprinzips der Akupunktur, sondern die langfristige Wirksamkeit aus Patientensicht, betonte Victor. Die Wissenschaftler gehen von drei Wirk-Komponenten der Akupunktur aus:

  • das Stechen an sich,
  • die intensive Zuwendung der Kollegen bei der Akupunktur und
  • die Erwartungshaltung der von etablierten Therapien enttäuschten Patienten.

Victor mißt der Zuwendung und dem Heilungsritual der Akupunktur wichtige Bedeutung für die Schmerzreduktion bei.

Beide Akupunkturverfahren waren der Standardtherapie deutlich überlegen. Somit könne keine Placebowirkung postuliert werden, hielt Dr. Bernhard Egger aus Bonn vom AOK-Bundesverband und Mitglied des G-BA Kritikern entgegen.

Aufgrund der eindeutigen Ergebnisse und der hohen Qualität der Studie werde die Akupunktur als Baustein eines multimodalen schmerztherapeutischen Konzepts vom G-BA angesehen und bei entsprechender Qualifikation der Ärzte (Weiterbildung in Akupunktur, Kenntnisse in Schmerz- und Psychotherapie) von den Kassen bezahlt, betonte Egger. Das gilt auch für Akupunktur bei Rückenschmerzen.

Infos zu den gerac-Studien unter: www.gerac.de

STICHWORT

gerac-Studien zu Akupunktur

In den vier gerac (German Acupuncture Trials)-Studien wurden die Wirksamkeit von Akupunkturen und Standardtherapien verglichen. Bei Migräne und Spannungskopfschmerz wirkte Akupunktur nicht signifikant besser. Nadeln ist bei diesen Indikationen keine GKV-Leistung. Anders bei chronischem Rückenschmerz und Gonarthrose: Akupunktur war den Standardtherapien überlegen und wird bei diesen Indikationen ab Oktober bezahlt.

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