Ärzte Zeitung, 07.04.2006

Schützt anthroposophischer Lebensstil vor Allergien?

Studie zum Allergie-Risiko bei Kindern / Keine eindeutigen Belege für Vorteile einer anthroposophischen Lebensweise gefunden

Ein anthroposophischer Lebensstil schützt vor Allergien. Diesen Trugschluß mag man beim ersten schnellen Lesen aus einer aktuellen Studie ziehen, die eine schwedische Ärztin und ihre Kollegen gemacht haben. Einen sicheren Beleg dafür, daß ein Lebensstil à la Rudolf Steiner vor Allergien bewahrt, haben sie dabei nicht gefunden. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig.

Von Swanett Koops

Nach den Grundsätzen der anthro-posophischen Medizin hemmt die Therapie mit schulmedizinischen Arzneien die Selbstheilungskräfte des Körpers. Wenn sich der Körper hingegen mit den Erkrankungen auseinandersetzen muß, wird das Immunsystem gestärkt und ist gegen Allergien besser gewappnet, so die These. Deshalb lehnen die Befürworter der anthroposophischen Medizin auch Impfungen ab.

Nun haben schwedische Ärzte untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen dem zurückhaltenden Gebrauch von Antibiotika, Antipyretika oder Impfungen und der späteren Allergieneigung bei Kindern gibt, und wenn ja, welche. Dr. Helen Flöistrup vom Karolinska-Institut in Stockholm und ihre Kollegen haben die Eltern von 6630 Kindern zwischen 5 und 13 Jahren aus fünf verschiedenen europäischen Ländern befragt (J Allergy Clin Immunol 117, 2006, 59).

4606 Kinder besuchten eine Waldorfschule oder ähnliche Einrichtungen, in denen nach der anthroposophischen Philosophie Rudolf Steiners gelehrt wurde.

Die meisten Fragen gingen um Asthma und Allergie

Die Forscher sammelten unter anderem Informationen über die Lebensumstände, den anthroposophischen Lebensstil der Familie und über Allergien. Die meisten der Fragen basierten dabei auf einem validierten Fragebogen zu Asthma und Allergie bei Kindern. Bei einem Teil der Kinder (28 Prozent) wurde zudem eine Blutprobe entnommen und diese auf IgE-Antikörper gegen gängige inhalative und ernährungstypische Allergene getestet.

Als allergische Reaktion werteten die Forscher eine Rhinokonjunktivitis ohne Zeichen einer Erkältung sowie ein vom Arzt diagnostiziertes Asthma oder atopisches Ekzem. Eine atopische Sensibilisierung machten die Wissenschaftler an einem IgE-Titer über 0,84 mg/l fest.

Die Auswertung ergab zunächst einmal, daß die Kinder aus Steiner-Haushalten signifikant seltener eine Rhinokonjunktivitis, Asthma oder ein atopisches Ekzem hatten als Kinder aus anderen Familien. Kinder aus den anthroposophischen Familien hatten zudem häufiger überhaupt keine Antibiotika (42 Prozent versus 15 Prozent) oder Fieber senkende Mittel (43 Prozent versus 8 Prozent) erhalten.

Von den Steiner-Kindern waren auch nur 26 Prozent gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft, in der Vergleichsgruppe waren es 72 Prozent. Dementsprechend erkrankten Steiner-Kinder auch häufiger an Masern (33 Prozent versus 10 Prozent).

Um zu klären, welchen Zusammenhang es zwischen Verzicht auf Antibiotika, Antipyretika und Impfungen sowie der Allergieneigung gibt, haben die Forscher Risikofaktoren wie Tabakkonsum oder erbliche Belastung herausgerechnet.

Was danach übrig bleibt, sind viele Zahlen, aber nicht wirklich ein eindeutiges Ergebnis: Zwar war der Gebrauch von Antibiotika und Antipyretika mit einer erhöhten Rate bestimmter Allergie-Symptome assoziiert. Eine Erklärung hierfür könnte die Schädigung der Darmflora durch Antibiotika mit folgender Störung der Reifung des Immunsystems sein oder die Schädigung der pulmonalen Immunabwehr durch die Antipyretika. Ebenfalls häufiger waren allergische Symptome bei Kindern, die geimpft worden waren.

Zwischen einer Maserninfektion und der Häufigkeit allergischer Symptome ließ sich aber kein Zusammenhang erkennen, ebenso wenig wie zwischen der Anwendung von Antibiotika, Antipyretika und Impfung sowie Masern-Erkrankung und atopischer Sensibilisierung.

Dementsprechend folgern die Autoren aus ihren Daten auch eher vorsichtig, daß bestimmte Faktoren des anthroposophischen Lebensstils wie der restriktive Gebrauch von Antibiotika und Antipyretika mit einem geringeren Risiko für allergische Erkrankungen bei Kindern verbunden sein könnten. Einen Beleg für einen protektiven Effekt der Anthroposophie liefere die Studie jedoch nicht. Noch andere Faktoren könnten bei den beobachteten Zusammenhängen von Bedeutung sein.

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