Ärzte Zeitung, 02.05.2008

Paradiesische Zustände im TCM-Zentrum

Dr. Barbara Schilling, Hausärztin in Bremen, hat sich mit fernöstlicher Medizin ein zweites Standbein geschaffen

BREMEN. "Nieren-Yang-Schwäche" oder "Leber-Chi-Stagnation" - das kommt bei Patienten in deutschen Hausarztpraxen praktisch nicht vor. Anders bei Dr. Barbara Schilling. Sie setzt die traditionelle chinesische Medizin (TCM) auch in ihrer Praxis ein - und nicht nur dort. Die Bremer Hausärztin hat einen Weg gefunden, die chinesische Medizin in ihre Arbeit zu integrieren.

Von Christian Beneker

 Paradiesische Zustände im TCM-Zentrum

Die Kassenhonorare "sind eine Schande", sagt Dr. Barbara Schilling. Die Bremer Hausärztin arbeitet zweimal pro Woche in einem TCM-Zentrum.

Foto: cben

Seit einem halben Jahr verlässt Schilling an zwei Tagen in der Woche ihre Praxis in der Bremer Neustadt und arbeitet im Bremer Institut für chinesische Medizin für 13 Stunden als angestellte Ärztin. Dieser Schritt war nicht nur angesichts der ständig sinkenden Honorare der Kassenärzte naheliegend. "Auch der Umgang mit einem so anderen medizinischen System, das auch noch so wenige Nebenwirkungen zeigt, ist schon bestechend", sagt die Bremerin augenzwinkernd im Hinblick auf die wesentliche Rolle der Akupunktur in der chinesischen Medizin.

Rotes Kreuz betreibt Zentrum für chinesische Medizin

Das Zentrum am Klinikum Bremen Mitte wird vom Deutschen Roten Kreuz betrieben. Es funktioniert wie eine große Privatpraxis mit Geschäftsführerin und einer regelmäßig wechselnden Besetzung von drei chinesischen Ärztinnen und Ärzten plus Dolmetscherinnen. Neben dem Institutsleiter Professor Hanns Gunschera, dem ehemaligen Medizinischen Direktor des Klinikums Bremen Mitte, ist Schilling hier die einzige deutsche Ärztin.

Aufs Angenehmste vermisst man im Institut triste Wartezimmer und öde Flure. Stattdessen bieten hohe Räume, Parkettfußboden und an den Wänden Rollbilder mit chinesischen Schriftzeichen eine entspannende Atmosphäre. Der Flur wurde zum Wartebereich erweitert, auf einem chinesischen Lacktisch wird Patienten grüner Tee angeboten.

Die Ärztin genießt es, Zeit für ihre Patienten zu haben

"Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hier reinkomme und hier arbeiten kann", sagt Schilling begeistert. "Paradiesische Zustände! Eine Stunde Zeit für jeden Patienten allein für das Erstgespräch - und: keine Bürokratie!" Im Bremer Institut wird privat abgerechnet. Wenn die Privatkassen nicht zahlen, unterstützt das Institut auch bei den Widerspruchsverfahren.

In der Hausarztpraxis, die Schilling zusammen mit zwei Kolleginnen als Gemeinschaftspraxis betreibt, wartet indessen Alltag: "Wir haben in den letzten zehn Jahren bei stagnierenden Honoraren ungefähr 40 Prozent mehr Arbeit. Mit unseren Verdiensten liegen wir inzwischen nur knapp über denen unserer Arzthelferinnen", erklärt die Hausärztin.

"Ich will nicht jammern, ich bin gerne Ärztin. Aber die Honorare sind eine Schande." Dessen ungeachtet behandelt sie in ihrer Praxis etwa fünf Prozent ihrer Patienten mit TCM. "Sie belegen aber bis zu 15 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit", erklärt Schilling. "Die chinesische Medizin ist sehr zuwendungsintensiv."

Patienten mit Arthrose-Schmerzen im Knie, Allergien, Spannungskopfschmerzen - sie alle ließen sich mit Akupunktur sehr gut behandeln. Natürlich gehe das auch schulmedizinisch, aber zum Beispiel Antihistaminika hätten auch gelegentlich Nebenwirkungen.

Also greift Schilling gerne zu den Methoden aus Fernost. Die Antworten eines umfangreichen Fragebogens, Zunge und Puls sind die Quellen der Diagnose, Akupunktur und chinesische Teemischungen die beiden Pfeiler der Therapie.

Grundkonzepte sind abwegig aus Sicht der Schulmedizin

Stets geht es um den Ausgleich der beiden gegensätzlichen Lebenskräfte Yin und Yang. Yin steht etwa für die fassbare Struktur der Organe und Yang für ihre Funktion. Ist das Gleichgewicht der Kräfte gestört, wird der Mensch krank. "Hitzewallungen bei Frauen im Klimakterium führt die chinesische Medizin zum Beispiel auf eine Nieren-Yin-Schwäche und eine Leber-Chi-Stagnation zurück", erklärt Schilling. "Für die westliche Schulmedizin klingt das abwegig, aber jede Patientin, der ich das erkläre, kann es sofort nachvollziehen, und eine entsprechende Behandlung hilft ihr auch!" Will sagen: Chinesische Medizin funktioniert auch in Mitteleuropa.

Auch in der Praxis werden die Kranken nicht abgefertigt

Aber nur wenige Akupunkturbehandlungen werden von den Kassen bezahlt, etwa bei Patienten mit Arthrose im Knie. "Wir bekommen 510 Punkte pro Behandlung, das sind in Bremen 17 Euro. Eigentlich ist das gar nicht zu machen, es sei denn, man will Patienten reihenweise abfertigen, und das will ich nicht." Die Hausärztin nimmt sich viel Zeit und arbeitet in einem eigens dafür eingerichteten Raum. "Mit Schummerlicht und der richtigen Atmosphäre - ich will ja nicht einfach nur ein paar Nadeln werfen!", sagt sie.

Das nächste Ziel ist eine Reise nach China

Schilling hat die TCM in langen Jahren erlernt, nachdem ihre beiden Söhne, die heute 16 und 26 Jahre alt sind, aus dem Gröbsten heraus waren. Heute verfügt die Hausärztin über das A- und B-Akupunktur-Diplom der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur, und sie hat ein Jahr lang die chinesische Phytotherapie studiert, also die Behandlung mit Kräuteraufgüssen, "eigentlich die Königsdisziplin der chinesischen Behandlung", wie sie sagt.

Ein wichtiger Schritt ihrer Leidenschaft für die chinesische Medizin steht noch aus. "Eine Reise nach China!", sagt sie. "Bisher war das bei meinen Praxisverpflichtungen einfach nicht möglich."

STICHWORT

Traditionelle Chinesische Medizin

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) wird hauptsächlich mit Akupunktur assoziiert, doch sie umfasst viel mehr. Anders als andere Verfahren der TCM ist die Akupunktur jedoch inzwischen Kassenleistung, und zwar bei Patienten mit chronischen Knie- oder Rückenschmerzen. Allgemeine Information bietet die Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin auf ihrer Website ww.dwgtcm.de. Informationen zur TCM-Weiterbildung finden sich auf www.agtcm.de und www.tcm-aus-weiterbildung.de

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