Ärzte Zeitung, 11.02.2004

HINTERGRUND

Welche genetischen Veränderungen zu Krebs führen - das wird jetzt mit Hilfe großer Tumorbanken erforscht

Von Ingeborg Bördlein

Tumorgewebe ist eine wertvolle Ressource für die Genomforschung und sollte nicht im Abfall landen. Schließlich enthält es die gesamte Information über genetische Veränderungen, die zum Krebs geführt hat und den Krankheitsverlauf bestimmen. Dank der Fortschritte in der Genom- und Proteomforschung gelingt es zunehmend, diese Informationen zu entschlüsseln und gezielt für neue diagnostische und therapeutische Methoden einzusetzen.

Somit entstehen weltweit Tumorbanken, in deren Safes Tumorgewebe für die Forschung aufbewahrt werden. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg plant zusammen mit der Uni-Klinik der Stadt, eine Tumorbank zu etablieren.

Nur in unfixierten Tumorzellen lassen sich Proteine untersuchen

"Wenn wir unsere neuen Analysemethoden einsetzen wollen, brauchen wir zusätzlich unfixierte Tumorzellen, denn nur so können wir auch die Proteine darin untersuchen", hat Professor Peter Lichter, Genomforscher, kürzlich in der Zeitschrift "einblick" erklärt.

Derzeit eine der wichtigsten Untersuchungsmethoden an Tumorgewebe sind die Genexpressions-Analysen. Und die funktioniert so: Mit DNA-Chips, mit denen Tausende von Genen parallel untersucht werden, können Krebspatienten in Risikogruppen eingeteilt werden. Dies ist jetzt schon bei der Leukämie des B-Zelltyps und bei Brustkrebs möglich. Um diese Untersuchungen überhaupt machen zu können, bedarf es aber standardisierter Bedingungen der Aufbewahrung.

So muß außer den herkömmlichen Paraffinblöcken, in welchen Tumorstücke in den pathologischen Abteilungen aufbewahrt werden, auch noch frisch entnommenes Tumorgewebe asserviert werden, das in flüssigem Stickstoff schockgefroren und bei minus 80 Grad in Kühltanks gelagert wird. Zusätzlich sollen bereits extrahierte DNA, gesundes Vergleichsgewebe und Blut der Tumorpatienten in der Tumorbank aufbewahrt werden.

Praktisch soll dies so erfolgen: Krebspatienten, die die interdisziplinäre Tumorambulanz in Heidelberg aufsuchen, einer vor kurzem gegründeten Gemeinschaftseinrichtung des DKFZ und der Heidelberger Universitätskliniken, werden vor der Operation gefragt, ob sie bereit sind, übriggebliebenes Tumorgewebe für die Forschung zu spenden. Sind sie einverstanden, wird dies schriftlich als " informed consent" festgehalten.

Nach Abschluß der Diagnostik durch den Pathologen, der zusätzlich Gewebe in Formalin fixiert und für eine spätere Diagnostik gegebenenfalls auch einfriert, erhält die Tumorbank das übrige Gewebe.

Verwaltet wird die Tumorbank von einem Pathologen. Ehe das Tumormaterial in der Bank konserviert wird, wird es von ihm nochmals begutachtet, um festzustellen, ob es sich auch wirklich ausschließlich um Tumorgewebe handelt. Über die Vergabe des Tumorgewebes an Wissenschaftler soll ein wissenschaftlicher Beirat entscheiden.

Dabei sollen jene Forschergruppen bevorzugt Zugriff auf das Gewebe haben, aus deren Klinik das Gewebe kommt - so sieht es das Konzept vor. Zusätzlich sollen alle medizinischen Daten der Patienten - von der Anamnese über sämtliche Voruntersuchungen bis zu den Ergebnissen bildgebender Verfahren - in einem klinischen Register gespeichert werden, ebenso wie die Therapie und der Krankheitsverlauf. Denn ohne klinische und Labordaten ist das Tumorgewebe allein "nicht sonderlich viel wert" , so Lichter.

Es gibt inzwischen mehrere Tumorbanken in Deutschland

In Deutschland existieren bereits mehrere Tumorbanken. Die älteste ist die am Institut für Zellbiologie des Westdeutschen Tumorzentrums in Essen, die von Professor Manfred F. Rajewski aufgebaut worden ist. Für bestimmte Krebsarten entstehen virtuelle Tumorbanken: Das heißt, das Gewebe lagert an den jeweiligen Klinikpathologien und wird in einem zentralen Datenpool verwaltet. So ist etwa die Tumorbank des Kompetenznetzwerks "Maligne Lymphome" in Göttingen organisiert.

Kürzlich wurde, wie berichtet, die weltweit erste patienteneigene Tumorgewebebank der Brustkrebsinitiative "Mamazone e.V." in Augsburg vorgestellt. Und der Verein zur Förderung der Humangenomforschung - ein Zusammenschluß von Biotechnik- und Pharma-Unternehmen - plant für Deutschland ebenfalls eine virtuell vernetzte Datenbank mit zentraler Datenverwaltung.

Bisher fehlen verbindliche Regeln für die Nutzung

Tumorgewebe wird in Deutschland in den Pathologischen Instituten der Universitätskliniken schon lange konserviert. Jedoch gibt es bisher keine Kontinuität in der Bestandspflege solcher Sammlungen und auch keine standardisierten Bedingungen der Gewebekonservierung. Auch über den Zeitraum der Aufbewahrung gibt es bislang keine verpflichtenden Vorschriften.

Außerdem gilt es, verbindliche ethische und rechtliche Regeln für die Gewinnung und Nutzung des Gewebes zu schaffen. Daran wird national und international gearbeitet. Zumindest soviel ist schon jetzt klar: Das Tumorgewebe gehört dem Patienten, und er kann darüber verfügen, was damit geschieht.

FAZIT

Genetische Veränderungen, die zum Krebs führen und den Krankheitsverlauf bestimmen, lassen sich in Tumorgewebe analysieren. Weltweit werden daher jetzt große Tumorbanken angelegt, um solches Gewebe und die dazugehörigen Patientendaten zu archivieren. Standardisierte Verfahren hierzu werden erarbeitet.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »