Ärzte Zeitung, 19.03.2004

HINTERGRUND

Gentherapiestudie bei Kindern wird trotz Krebsrisikos fortgesetzt

Von Nicola Siegmund-Schultze

Gentherapien können Krebs auslösen. Das hat sich im Dezember 2002 erwiesen. Zwei Kinder, die am Hôpital Necker des Enfants Malades in Paris wegen angeborener, schwerer Immunschwäche (SCID) mit genetisch veränderten Blutstammzellen behandelt worden waren, hatten ein lymphoproliferatives Syndrom entwickelt, ähnlich einer Leukämie (wir berichteten). Daraufhin waren die Behandlung und methodisch ähnliche Gentherapie-Studien in vielen Ländern gestoppt worden.

Jetzt will die Arbeitsgruppe um Professor Marina Cavazzana-Calvo aus Paris eine 1998 begonnene Studie zur Gentherapie von Kindern mit SCID wieder aufnehmen, aber unter veränderten Bedingungen.

Der Grund für die Fortführung: Bei neun der zehn Kinder, die an der Studie teilnahmen, hat die Therapie gewirkt. "Sie haben teilweise seit mehr als fünf Jahren ein funktionierendes Immunsystem", sagte Cavazzana-Calvo bei einem Symposium des Paul-Ehrlich-Instituts in Frankfurt/Main. Die Kinder führten ein normales Leben. Ein Kind habe nicht angesprochen, und bei zwei habe sich das lymphoproliferative Syndrom entwickelt.

Die französischen Forscher wollen die Therapie jetzt allerdings sicherer machen. So sollen die Patienten zum Zeitpunkt der Behandlung mindestens sechs Monate alt sein, die Zahl der pro Zelle eingeschleusten Gene soll verringert werden. Auch die Dosis an genetisch veränderten Stammzellen, die übertragen werden, wird reduziert.

Damit werden die Ergebnisse von Analysen bei den beiden an Krebs erkrankten Kindern berücksichtigt. So hatte sich das übertragene Gen in teilweise hoher Kopienzahl in verschiedene Chromosomen integriert. Das therapeutische Gen kodiert für ein Peptid, welches für die Differenzierung von T-Lymphozyten und natürlichen Killer-Zellen benötigt wird. Die beiden an Krebs erkrankten Kinder, beide zum Zeitpunkt der Behandlung noch kein halbes Jahr alt, hätten eine relativ hohe Dosis genetisch veränderter Zellen mit oft mehreren Genkopien pro Zelle erhalten, so die Forscherin. Dabei wurde das zelluläre Gen LMO2 fehlreguliert, nachdem sich in dessen Nachbarschaft das therapeutische Gen integriert hatte. Die Überaktivierung von LMO2 löste die Leukämie aus. Möglicherweise ist LMO2 bei Säuglingen besonders gut zugänglich für eine krebsauslösende Veränderung. Auch die Dosis sei offenbar von Bedeutung.

Eine Fortsetzung der Studien unter den genannten Sicherheitsvorkehrungen wurde auch von der Kommission Somatische Gentherapie der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA empfohlen. In Frage kommen Patienten mit einer lebensbedrohlichen monogenen, hämatologischen Erbkrankheit, wenn andere Therapie-Optionen ein hohes Mortalitätsrisiko bergen.

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