Ärzte Zeitung, 23.02.2005

Den genetischen Fingerabdruck zur DNA-Analyse gibt es jetzt seit 20 Jahren. Etwa 400 000 solcher DNA-Datensätze sind bereits beim Bundeskriminalamt gespeichert, die meisten mit Angaben zu den Personen, von denen sie stammen. Die politischen Parteien streiten nun darüber, wann solche DNA-Tests gemacht werden dürfen.

Nicht jede DNA-Analyse wird beim BKA gespeichert

Genetischer Fingerabdruck dient dem Vergleich von DNA-Mustern / Identisches Muster mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 300 Millionen

BERLIN (gvg). Gendiagnostik bedeutet nicht nur das Erkennen von Erbkrankheiten. Die Untersuchung des genetischen Materials wird zunehmend auch zur Identifizierung von Personen heran gezogen, wie zuletzt bei der Tsunami-Flut. Eine Spezialform der genetischen Identifizierung von Personen sind die genetischen Fingerabdrücke, die in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) verwaltet werden.

Graphische Auswertung einer DNA-Analyse am Rechtsmedizinischen Institut München. Foto: dpa

Genetische Fingerabdrücke sind ein Mittel der Verbrechensbekämpfung. Sie werden in einer als "DNA-Analysedatei" bezeichneten Kartei des BKA gesammelt, wo mittlerweile knapp 400 000 Datensätze gespeichert sind. Davon sind knapp 70 000 sogenannte Spurensätze: Das sind Tatortspuren ohne weitere Informationen über die Person, von der die Probe stammt. Die übrigen Datensätze sind genetische Fingerabdrücke von Personen, deren Identität bekannt ist (Personenspuren). Genetische Fingerabdrücke für die BKA-Datei werden von einer Person bei Straftaten von "erheblicher Bedeutung" angelegt. In erster Linie sind das Delikte gegen Leib, Leben oder Gesundheit, also etwa Raub, Mord oder Sexualdelikte. Dazu kommen Terrorakte und schwere Eigentumsdelikte.

Einfacher Diebstahl ist kein Grund für einen DNA-Test

Anders als bei normalen Fingerabdrücken dürfen genetische Fingerabdrücke derzeit nicht von Menschen angefertigt werden, die sich nur leichtere Vergehen haben zuschulden kommen lassen, etwa einfachen Diebstahl. Nicht dauerhaft gespeichert werden die Informationen aus genetischen Reihenuntersuchungen, die der Suche nach einem Sexualstraftäter dienen. "Auch genetische Identifizierungen aus nicht-kriminalistischen Gründen, wie etwa bei der Tsunami-Katastrophe, haben mit der DNA-Analyse-Datei nichts zu tun", so eine Sprecherin des BKA zur "Ärzte Zeitung".

Um einen genetischen Fingerabdruck zu erstellen, werden nicht die Gene analysiert, sondern Abschnitte dazwischen ohne Informationen - die Short Tandem Repeats (STR). Dabei handelt es sich um DNA-Bereiche mit festen Abfolgen kurzer Bausteingruppen - etwa mit zwei oder vier Bausteinen -, die sich unterschiedlich häufig wiederholen. In den genetischen Fingerabdruck gehen Merkmalskombinationen von acht verschiedenen solchen Abschnitten der nicht-codierenden DNA ein. Dabei werden jeweils die entsprechenden Bereiche beider Chromosomen - das sind die Allele - berücksichtigt. "Daraus errechnet sich statistisch eine Wiederholungschance bei nicht verwandten Personen von etwa eins zu dreihundert Millionen", so Professor Hubert Poeche, Experte für genetische Identifizierung vom Institut für Rechtsmedizin der Charité Berlin, Campus Benjamin Franklin, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Wenn wir eine Tatortspur erhalten, dann ermitteln wir daraus den genetischen Fingerabdruck", erläutert Poeche das Vorgehen. Ohne weitere Informationen zum Geschlecht oder zu genetischen Auffälligkeiten, die dem untersuchenden Labor natürlich bekannt sein können, wird diese Merkmalskombination dann in einem Meldebogen an die BKA-Datei weitergeleitet. Treffer - also positive Ergebnisse - werden dem Labor mitgeteilt, allerdings ohne Informationen zur Identität der entsprechenden Person preiszugeben. Nur die Polizei kann sie Personen zuordnen..

Führt eine von Poeche oder einem seiner Kollegen weitergeleitete Tatortspur in der Kartei zu einem Treffer, dann ist der Betreffende mit einer Sicherheit von 300 Millionen zu eins derjenige, von dem das Gewebe stammt, das am Tatort gefunden wurde, sei es ein Haar, eine Blutspur oder Sperma.

Das freilich ist nur die erste Runde: Auf einen Treffer beim genetischen Fingerabdruck folgt eine präzisere Analyse, um die Sicherheit weiter zu erhöhen. "Wir untersuchen bei Spuren immer mehr Merkmale, als für den genetischen Fingerabdruck erforderlich sind", so Poeche. Nach einem Treffer werde dann von der Polizei bei der entsprechenden Person erneut eine Speichelprobe genommen, damit das Labor weitere Abschnitte des nicht-codierenden Genoms mit denen der Tatortspur vergleichen kann.

Genetische Fingerabdrücke von eineiigen Zwillingen sind gleich

Poeche hat hochgerechnet, daß sich so die Treffsicherheit in einen Bereich von vielen Milliarden zu eins erhöht. Einzige Ausnahme: Eineiige Zwillinge haben das gleiche Genom und damit den gleichen genetischen Fingerabdruck. Bei nahen Verwandten ist der genetische Fingerabdruck ähnlicher als bei Nichtverwandten.

Rückschlüsse auf Erbkrankheiten, auf die Persönlichkeit des Menschen oder auf das Geschlecht läßt der in der BKA-Datenbank gespeicherte genetische Fingerabdruck nicht zu, da er nur nicht-codierende Abschnitte des Erbguts umfaßt und keine Angaben dazu macht, ob im ursprünglichen Chromosomensatz ein Y-Chromosom vorlag oder nicht.

Auch die These, daß der genetische Fingerabdruck Rückschlüsse auf die ethnische Zugehörigkeit des Betreffenden zulasse, weil einige STR-Allele bei Menschen unterschiedlicher Abstammung unterschiedlich häufig sind, wird von Experten mehrheitlich zurückgewiesen. Die Korrelation sei zu schwach, um praktisch irgendeinen Wert zu haben.

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Geschichte des Fingerprintings

Der genetische Fingerabdruck wurde 1985 von dem Briten Alec J. Jeffreys in Leicester erfunden (Nature 314, 1985, 67). Dafür wurde Jeffreys geadelt. Auch der Begriff genetic fingerprinting (genetischer Fingerabdruck) stammt von ihm. Er kam auf die Idee, weil der genetische Fingerabdruck in seiner Rohform aussieht wie ein Strichcode, der ihn an individuelle Linien des Daumenabdrucks erinnerte. Erstmals angewendet wurde der Gen-Test bei der Bearbeitung eines Einwanderungsgesuchs eines Jungen aus Ghana: Jeffreys konnte nachweisen, daß der Junge das Kind der Mutter war, die das behauptete. (gvg)

 

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