Ärzte Zeitung, 28.02.2005

Bei manchen monogenetischen Erkrankungen wie bei zystischer Fibrose verhilft ein Gen-Test zu einer frühzeitigen Therapie. Dies ist aber nur bei den wenigsten Erkrankungen der Fall. Dennoch sind Tests sinnvoll, wenn die Anamnese einen Verdacht liefert. Für genetische Reihenuntersuchungen soll es bald Regelungen geben.

DNA-Tests sind nur selten klinisch relevant

Praktische Konsequenzen bei monogenetischen Krankheiten hat ein Test etwa bei Dickdarmkrebs / Genetische Beratung unverzichtbar

BERLIN (gvg). Genetische Tests auf monogenetische Erkrankungen liefern eindeutige Resultate. Entweder das fragliche Gen ist verändert oder nicht. Einmal erhoben gilt das Ergebnis für den Rest des Lebens. Eine ganz andere Frage ist, ob dieses Wissen dem Betroffenen in irgendeiner Weise nutzt.

Also monogenetisch bezeichnet wird eine Erkrankung, die durch einen Defekt an einer ganz bestimmten Position im Erbgut verursacht wird. Anders als bei vielen genetisch mitverursachten Erkrankungen wie Adipositas oder arterielle Hypertonie ist die Zuordnung von Gen zu Erkrankung dabei eindeutig.

Es gibt dominante monogenetische Leiden wie die Chorea Huntington, bei der es für den Ausbruch der Erkrankung reicht, wenn eines von beiden Allelen eines Genorts verändert ist. Und es gibt rezessive Varianten, bei denen beide Allele betroffen sein müssen, etwa bei zystischer Fibrose.

Monogenetische Erkrankungen, für die es Tests gibt
Krankheit Häufigkeit Erbgang
Farbenblindheit (mehrere Formen) 1:12 (Männer) X-chromosomal
Morbus Alzheimer (mehrere familiäre Formen) 1:100 autosomal-dominant
Erblicher Brustkrebs

1:200 (Frauen)

autosomal-dominant
Erblicher nicht-polypöser Dickdarmkrebs 1:200 autosomal-dominant
Thrombophilie (Faktor-V-Mangel) 1:200 autosomal-dominant
Typ-1-Diabetes 1:400 autosomal-dominant
Familiäre Hypercholesterinämie 1:500 autosomal-dominant
Polyzystische Nierenerkrankung bei Erwachsenen 1:1000 autosomal-dominant
Fragiles-X-Syndrom 1:1250 (Männer) 1:2000 (Frauen) X-chromosomal
Alpha-1-Anti-Trypsin-Mangel 1:2500 bis 1:10000 autosomal-rezessiv
Zystische Fibrose 1:2500 autosomal-rezessiv
Duchenne-Muskeldystrophie 1:3500 (Männer) X-chromosomal
Neurofibromatose Typ 1 1:3500 bis 1:10000 autosomal-dominant
Familiäre Dickdarm-Polyposis 1:6000 autosomal-dominant
Hämophilie A 1:10000 (Männer) X-chromosomal
Chorea Huntington 1:10000 bis 1:12000 autosomal-dominant
Phenylketonurie 1:10 000 bis 1:20000 autosomal-rezessiv
Quelle: Schmidtke, Vererbung und Ererbtes, rororo 2002, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG
Auswahl aus bis zu 500 monogenetischen Erkrankungen, für die es Gen-Tests gibt. Familiäre Formen des Morbus Alzheimer und Brustkrebs sind dabei am häufigsten.

Wieviele monogenetische Erkrankungen es gibt, kann nicht einmal der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, Professor Claus Bartram, sagen: "Es sind mehrere tausend, und etwa 400 bis 500 davon können wir testen", so der Heidelberger Humangenetiker im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Weil es keine Meldepflicht für Gentests gebe, könne aber niemand seriös sagen, was genau am häufigsten getestet werde. An Bartrams Klinik in Heidelberg gehören die zystische Fibrose und die familiären Dickdarmkarzinome zu den Spitzenreitern.

Ein Standardverfahren für den genetischen Test auf eine monogenetische Erkrankung gibt es dabei nicht: Daß ganze Chromosomenabschnitte durchsequenziert werden müssen, kommt vor. In einfacheren Fällen gelingt es, bestimmte Genveränderungen anhand von Markern direkt nachzuweisen. "Entsprechend bewegen sich die Preise für derartige Tests zwischen 50 und 3000 Euro", so Bartram.

Einen Gentest um des Gentests willen lehnt der Humangenetiker strikt ab: "Bei einem gesunden Menschen mit genetisch unauffälliger Familienanamnese gibt es heute keine Indikation für einen genetischen Test". Anders sieht es aus, wenn in der Familie genetische Veränderungen bekannt oder zu vermuten sind.

Im besten Fall können Ärzte bei einem positiven Gentest prophylaktisch tätig werden und Schlimmeres verhüten. Das klappt etwa bei den familiären Formen des Dickdarmkrebses, wo Menschen mit dem entsprechenden Gen in regelmäßigen Abständen Koloskopien bekommen und in einem bestimmten Alter prophylaktisch operiert werden. Weil der Gentest unmittelbare Konsequenzen hat, wird er von praktisch jedem potentiell Betroffenen in Anspruch genommen. Auch bei zystischer Fibrose ermöglicht der frühe Gentest eine zügige Therapie.

Bei den meisten monogenetischen Erkrankungen hat ein positiver Test dagegen überhaupt keine medizinischen Folgen. Das zu vermitteln, ist die vielleicht wichtigste Aufgabe der genetischen Beratung. Beispiel Veitstanz: "Bei der Chorea Huntington entscheidet sich letztlich nur jeder fünfte potentiell Betroffene für den Gentest", weiß Bartram, der bei der Beratung auch die entscheidende Bedeutung eines Gendiagnostikgesetzes sieht: Im Moment könne jeder, der wolle, Gentests anbieten, auch ohne Beratung. Nicht einmal Arzt müsse er dazu sein.

Eine genetische Beratung ist auch deswegen unverzichtbar, weil die Interpretation eines Genbefunds auch bei monogenetischen Erkrankungen nicht immer einfach ist. So werden bei der zystischen Fibrose bestimmte Allele für ihre Träger nur in Verbindung mit anderen genetischen Merkmalen klinisch problematisch. Diese Zusammenhänge zu kennen und im Testergebnis zu erkennen, erfordert eine humangenetische Schulung.

Für den Freiburger Humangenetiker Professor Matthias Brandis hat das Wissen um monogenetische Erkrankungen noch eine weitere Dimension: Es hilft der medizinischen Forschung auch über die Humangenetik hinaus. So habe die Erforschung der monogenetisch vererbten Bartter-Syndrome letztlich zur Entwicklung neuer Diuretika geführt.

Gentests erhalten Patienten mit Bartter-Syndrom, eine Nierenerkrankung, die durch Frühgeburt, lebensbedrohlichen Salz- und Wasserverlust in den ersten Lebenswochen sowie durch Taubheit gekennzeichnet ist, heutzutage aber nicht, weil sich die Therapie dadurch nicht ändert.

Bei kongenitalen nephrotischen Syndromen kann das Wissen um einen Gendefekt dagegen hochinteressant sein, zum Beispiel um zu klären, ob ein steroidresistentes, idiopathisches nephrotisches Syndrom vorliegt. Dabei kommt es zu einem genetischen Defekt der Podozyten, die mit ihren Fußfortsätzen die Schlitzmembran der Niere bilden.

"Anders als bei anderen kongenitalen nephrotischen Syndromen kommt es bei dieser Form nicht zu Rezidiven nach einer Nierentransplantation", sagt Brandis. Diese Information kann für Kinder und Jugendliche, die ihre Zukunft planen, von erheblicher Bedeutung sein. Fazit: Auf den Einzelfall kommt es an.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Gen-Tests in Medizin und Forensik"

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