Ärzte Zeitung, 02.03.2005

Das Interesse an Vaterschaftstests ist ungebrochen. Doch DNA-Tests zur Klärung der Abstammung haben vor Gericht nur dann Bestand, wenn sie von approbierten Ärzten oder Humangenetikern gemacht worden sind. Gestritten wird jetzt auf parlamentarischer Ebene, ob vermeintliche Väter heimlich Tests machen dürfen.

Abstammungsgutachten sind kein Kinderspiel

Gutachten per Biochip sind keine Fiktion mehr / Untersuchungsmaterial sind Blutproben und nur ausnahmsweise Abstriche der Mundschleimhaut

Von Nicola Siegmund-Schultze

Jährlich stellen sich in etwa 50 000 deutschen Familien elementare Fragen nach der Herkunft: Wer ist der Vater eines Kindes? Sind Tochter und Sohn Voll- oder Halbgeschwister? Der Trend zur Abstammungsbegutachtung ist ungebrochen, die Zahl der in Auftrag gegebenen Gutachten steigt.

Gut für private Labore, die außer den forensischen Instituten der Hochschulen die Analysen anbieten und dafür auf öffentlichen Plätzen, in Anzeigen oder im Internet werben. Und weil sich heute schon die Erbsubstanz in einer Speichelprobe untersuchen läßt, boomt der Markt der heimlichen Vaterschaftstests: Kaugummis werden eingesammelt, Zahnbürsten sichergestellt, Kindergeschirr veschwindet.

Oberstes Gebot: die Identität der Probanden sicherzustellen

Die derzeit intensive politische Diskussion über Vaterschaftstests wird in neue rechtliche Regelungen münden. Abgesehen von der gesellschaftlichen Frage aber, welches Recht auf Wissen oder Nichtwissen jedes Familienmitglied haben sollte, geht es auch um Qualität. Abstammungsbegutachtungen sind kein Kinderspiel. Es können sich jede Menge Fehler einschleichen, wenn nicht die notwendigen Qualitätsstandards eingehalten werden.

Vaterschaftsgutachten, die auch vor Gericht Bestand haben sollen, werden von approbierten Ärzten oder Humangenetikern mit nachgewiesener Qualifikation gemacht, und zwar auf Basis von Richtlinien der Bundesärtzekammer zur Erstattung von Abstammungsgutachten aus dem Jahre 2002.

Als Untersuchungsmaterial dienen Blutproben, nur in Ausnahmefällen Abstriche von der Mundschleimhaut, zum Beispiel bei Kindern. Die Identität der Probanden sicherzustellen und zu dokumentieren, ist oberstes Gebot und zuverlässig nur durch den Untersucher selbst möglich. Private Labors, die sich Proben zuschicken lassen, können das Sammeln und damit die Qualität der Proben nicht kontrollieren.

Blut wird auf Merkmalsunterschiede (Polymorphismen) in vier Kategorien analysiert:

  • Restriktionslängenpolymorphismen (VLNTR-Systeme) in DNA-Bereichen ohne Bauplan für Eiweiße,
  • Mikrosatelliten-Polymorphismen (STR-Systeme) ebenfalls aus nicht kodierenden Genom-Abschnitten,
  • HLA-Systeme sowie
  • Kombinationen aus Membranbestandteilen der Erythrozyten, Erythrozyten-Enzymen und Serumproteinen.

Diese vier Systemkategorien lassen sich entweder allein oder in Kombination miteinander verwenden. Die Arbeitsgemeinschaft der Sachverständigen für Abstammungsbegutachtung empfiehlt, wenigstens zwei davon zu untersuchen. Denn es kann immer mal in einer dieser Kategorien ein systematischer Fehler auftreten, der dann alle Systeme dieser Kategorie betrifft.

"Das ist eine Kostenfrage", sagt Professor Peter M. Schneider vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. Eine zweite Kategorie schaffe mehr Sicherheit, mache das Gutachten aber um etwa 50 Prozent teurer. In nicht lege artis gewonnenen Proben ist die Zahl der untersuchbaren Kategorien häufig eingeschränkt.

Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer sollten mindestens zwölf voneinander unabhängige Merkmale mit bekannten Mutationsraten im Genom untersucht werden, die sich auf mindestens zehn verschiedenen Chromosomen befinden.

"Wenn wir Zwei-Personen-Gutachten erstellen müssen, also zum Beispiel Untersuchungsmaterial nur vom Kind und von einem Elternteil vorliegt, sollte die Zahl der Genorte auf 16 erweitert werden", sagt Schneider. Ziel der Untersuchungen ist, einen möglichst hohen AVACH-Wert zu erreichen, das ist die "Allgemeine Vaterschaftsausschlußchance".

Der AVACH-Wert gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein mit dem Kind nicht verwandter Mann als Vater ausgeschlossen werden kann, und sollte 99,73 Prozent oder mehr betragen. Um auf Grundlage eines Zwei-Personen-Gutachtens - etwa Vater und Sohn - die Vaterschaft des untersuchten Mannes in Zweifel zu ziehen, müssen in mindestens drei Genorten keine gemeinsamen Merkmale zu finden sein.

Künftig dürften die Verfahren weiter automatisiert werden und damit schneller und preiswerter. Auch ein Schnelltest auf Blutsverwandtschaft mit Chips ist heute keine Fiktion mehr. Die ethischen Fragen dürften künftig die rein wissenschaftlichen in den Hintergrund drängen.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Gen-Tests in Medizin und Forensik"

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