Ärzte Zeitung, 04.03.2005

 

Die Möglichkeit, das Ansprechen und die Verträglichkeit von Medikamenten mit Gen-Tests vorhersagen zu können, kann in wenigen Jahren zur Routine werden. Mit einem Gen-Chip ist der Anfang gemacht. Doch sind noch einige Hürden zu überwinden. Zudem sind noch nicht alle Konsequenzen für den Alltag überschaubar.

DNA-Chips sollen helfen, die Therapie zu optimieren

Mit Gen-Tests wird künftig geprüft, wie gut Medikamente verstoffwechselt werden / Verbesserung der Compliance erhofft

Überprüfung eines Chip Wafers, einer dünnen Halbleiterplatte, bei der Produktion von Chips für die Diagnostik. Foto: Bayer AG

Von Nicola Siegmund-Schultze

Es ist die Alltagserfahrung jeden Arztes: Dem einen Patienten hilft ein blutdrucksenkendes Medikament gut, dem anderen weniger, ein dritter erreicht zwar die Zielwerte, klagt über erhebliche unerwünschte Wirkungen.

Eine Ursache für die Unterschiede von Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten bei Patienten liegt in der Erbsubstanz: Menschen haben ein Sammelsurium genetischer Varianten für Enzyme, die am Metabolismus von Arzneimitteln mitwirken oder am Transport der Substanzen beteiligt sind.

Seit Jahren wird an Genchips gearbeitet, die über den Nachweis von Allelen medikamentenrelevanter Gene Ansprechen und Verträglichkeit von Arzneien individuell besser vorhersagbar machen sollen. Noch gibt es jede Menge Probleme zu lösen, bis solche Tests in großem Umfang für die Routinediagnostik verfügbar sind. Aber die Zukunft hat schon begonnen.

Ein Beispiel für die Anwendung solcher Tests ist die Therapie von Patienten mit Magen-Darm-Ulzera mit Protonenpumpenhemmern: Bei Menschen mit einer Defizienz des Enzyms CYP2C19 ist die Erfolgsrate höher als bei Personen, die das Arzneimittel rasch abbauen.

Darin sind auch ethnisch bedingte Unterschiede in den Ansprechraten auf Protonenpumpenhemmer begründet: 15 bis 20 Prozent der Chinesen sind homozygote Träger einer CYP2C19-Defizienz, aber nur zwei Prozent der Weißen. Bei den meisten Weißen (76 Prozent) hat CPY2C19 eine hohe Aktivität, das heißt, sie benötigen höhere Dosen einer Substanz, um ausreichende Wirkspiegel zu erzielen.

Zu den Substraten des Enzyms CYP2D6 gehören Betablocker, Antidepressiva und Neuroleptika, Opioide, aber auch Tamoxifen und Antiarrhythmika.. Sieben Prozent der Weißen haben genetische Variationen mit sehr niedriger Aktivität dieses Enyzms, bei 15 Prozent ist die Aktivität intermediär, 75 Prozent haben eine normale und drei Prozent eine sehr hohe Aktivität.

"Es gibt erste Vorschläge, wie die Dosierungen von antidepressiv wirkenden Substanzen dem Genotyp entsprechend angepaßt werden können", sagt Professor Ivar Roots von der Charité in Berlin: Ein Patient mit CYP2D6-Defizienz benötige danach nur 28 Prozent der Standarddosis, ein Patient mit intermediärer Aktivität etwa 80 Prozent der Standarddosis und ein Patient mit sehr hoher CYP2D6-Aktivität 182 Prozent.

"Mit pharmakogenomischen Tests wie diesem könnten Therapien künftig nicht nur besser meßbar und vorhersagbar gemacht werden, sie würden auch sicherer und kosteneffektiver", meint Roots. Außerdem lasse sich möglicherweise die Compliance mit pharmakogenomischen Chips als eine neue Form der personalisierten Medizin verbessern.

Aber auch viele andere Unternehmen forschen an Genchips für die Pharmakogenomik. So haben im Jahr 2002 das Unternehmen GlaxoSmithKline, das Max-Planck-Institut für Psychiatrie und das Max-Planck-Institut für Biochemie in München ein gemeinsames Genetics Research Centre in München gegründet. Ein Schwerpunkt ist die pharmakogenetische Forschung.

Eine weitere Erkrankung, bei der Genchips für eine Optimierung der Behandlung eingesetzt werden könnten, ist Asthma. Ein Drittel der Patienten hat eine bestimmte Variante des ß-2-adrenergen Rezeptor-Gens, das sie vergleichsweise unempfindlich macht gegen Bronchodilatatoren. Patienten mit dieser Gen-Variante könnten sich künftig mit einem Genchip identifizieren lassen.

 
Mit dem Genchip AmpliChip CYP450 lassen sich 33 Genvarianten nachweisen. Foto: Roche Diagnostics

Erster Genchip auf dem Markt

Seit Dezember vergangenen Jahres ist, wie berichtet, ein Genchip - AmpliChip CYP450 von Roche Diagnostics - mit einer CE-Kennzeichnung auf dem Markt, mit dem sich 33 Varianten von Genen des Cytochrom-450-Systems nachweisen lassen - der Enzyme CYP2D6 und CYP2C19.

Die Gene sind an der Verstoffwechselung von etwa einem Viertel aller Arzneimittel beteiligt: Antidepressiva, Psychopharmaka, Antiarrhythmika, Schmerzmittel, Antiemetika und Betablokker.

"Ist die Aktivität der Enzyme reduziert, sind bei unveränderter Dosis erhöhte Wirkstoffspiegel zu erwarten", so Prof. Ivar Roots von der Charité in Berlin: "Die Substanz wirkt besser oder die unerwünschten Effekte sind erhöht." (nsi)

Weitere Beiträge zur Serie:
"Gen-Tests in Medizin und Forensik"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text