Ärzte Zeitung, 15.03.2005

Nach der Dolly-Methode des Klonens werden auch in Deutschland seit langem Tiere erfolgreich geklont. Für Professor Eckhard Wolf von der Uni München birgt das Klonverfahren ein immenses Entwicklungspotential für Biotechnik und Medizin. Einer seiner Erfolge ist Uschi, eine 1998 geklonte und immer noch gesunde Kuh.

"Klonen von Menschen wäre mit Inzest vergleichbar"

Der Tiermediziner Professor Eckhard Wolf von der Uni München hat erfolgreich Säugetiere geklont und lehnt ein Menschenklonen vehement ab

Kuh Uschi, die 1998 von dem Forscherteam um Professor Eckhard Wolf in München durch Klonen geschaffen wurde. Foto: dpa

NEU-ISENBURG. Der Paul-Ehrlich-Ludwig-Darmstaedter-Preis, die höchst dotierte Auszeichnung auf dem Gebiet der Biomedizin in Deutschland, ist gestern Professor Ian Wilmut vom Roslin-Institut in Edinburgh verliehen worden. In seinem Team wurde die Dolly-Methode zum Klonen von Säugetieren entwickelt. Anfang 1997 wurden die Ergebnisse der Experimente in "Nature" veröffentlicht. In Deutschland haben Professor Eckhard Wolf und sein Team vom Institut für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie der Universität München das erste Großtier geklont: die Kuh Uschi im Jahr 1998. Technische Unzulänglichkeiten sollten nicht das Hauptargument gegen das reproduktive Klonen sein, sagt Wolf im Gespräch mit Nicola Siegmund-Schultze, Mitarbeiterin der "Ärzte Zeitung".

Ärzte Zeitung: Warum gilt die Dolly-Methode als herausragender Fortschritt für die biomedizinische Forschung?

 
  Prof. Eckhard Wolf: Die Klonkuh Uschi ist bislang völlig gesund. Foto: Dr. Georg J. Arnold

Wolf: Mit der "Dolly-Methode" ist es möglich, gezielt genetische Veränderungen am Großtier vorzunehmen. Das birgt immense Entwicklungspotentiale für Biotechnik und Medizin.

Ärzte Zeitung: Können Sie Beispiele aus der Medizin nennen?

Wolf: Ja! Mit der Methode sind Schweine für die Xenotransplantation erzeugt worden. Den Tieren fehlt das Gen für die Alpha-Galaktosyl-Transferase, ein Enzym, auf dessen Aktivität akute Abstoßungen anderer Spezies gegenüber Schweineorganen beruhen. Herzen solch genetisch veränderter Schweine überleben in Affen deutlich länger als die von genetisch unveränderten Schweinen. Gezielte Mutationen eröffnen also neue Wege für die Xenotransplantation. Ein anderes Beispiel ist die Erforschung der Prion-Erkrankungen. Mit der Dolly-Methode lassen sich Rinder erzeugen, denen das Gen für das Prion-Protein fehlt.

So läßt sich die Pathogenese von Prionen-Erkrankungen besser untersuchen. Mein letztes Beispiel ist die Entwicklungsbiologie, die eng mit der Krebsforschung zusammenhängt. Wir untersuchen an unserem Institut, welche epigenetischen Veränderungen wie differentielle Methylierungen und Demethylierungen der DNA die Rückbildung von spezialisierten Zellen in pluripotente bewirken. Fehler bei dieser Reprogrammierung können Fehlbildungen zur Folge haben und sind auch an der Entstehung von Tumoren beteiligt.

Ärzte Zeitung: Dolly ist vorzeitig gealtert und inzwischen tot. Könnte die Kuh Uschi dasselbe Schicksal ereilen?

Wolf: Ich glaube nicht. Uschi ist bislang völlig gesund. Wir haben inzwischen weitere Rinderklone erzeugt, darunter eine Klongruppe aus zehn Tieren, die ebenfalls klinisch unauffällig sind.

Ärzte Zeitung: Ian Wilmut hat kürzlich als weltweit zweiter Forscher - nach Ihrem Schüler Miodrag Stojkovic von der Universität Newcastle - die Lizenz zum Klonen menschlicher Embryonen erhalten. Was halten Sie von solchen Versuchen?

Wolf: Zunächst einmal: Es geht um die Erforschung des therapeutischen Klonens, die Erzeugung menschlicher embryonaler Stammzellen, nicht um das reproduktive Klonen von Menschen. Ich glaube allerdings, daß das therapeutische Klonen nach dem klassischen Ansatz, also für jeden Patienten eine eigene Zell-Linie zu züchten, wofür vermutlich große Zahlen von Eizellen gebraucht würden, keine reale Chance für eine klinische Anwendung hat.

Ärzte Zeitung: Warum nicht?

Wolf: Menschliche Eizellen sind von sehr unterschiedlicher Qualität und schwierig zu bekommen. Jede aus einem Kerntransferembryo erzeugte Stammzell-Linie müßte erst genau charakterisiert werden. Bei der Reprogrammierung von ausdifferenzierten Zellen in totipotente, wie es bei dieser Methode durch den Kerntransfer geschieht, können viele Fehler passieren. Wahrscheinlich wäre das Anlegen von Banken gut charakterisierter Stammzell-Linien sinnvoller, aus denen für therapeutische Zwecke jeweils solche Linien ausgewählt werden, die möglichst wenig Abstoßung hervorrufen.

Ärzte Zeitung: Und dazu brauchte man keine frischen Eizellen?

Wolf: Jedenfalls sehr viel weniger. Zudem gibt es interessante alternative Ansätze, mit denen man vermutlich ein totipotentes Stadium umgehen kann. In Australien wurde vor kurzem eine Methode vorgestellt, wie sich statt einer Eizelle tetraploide humane embryonale Stammzellen als Empfängerzellen für die Erbsubstanz aufbereiten lassen.

Ärzte Zeitung: Mit der Dolly-Methode ist ja eine bis heute anhaltende Diskussion über das reproduktive Klonen entbrannt. Viele Forscher, auch Ian Wilmut, sprechen sich vor allem mit dem Argument dagegen aus, das Erzeugen von geklonten Menschen berge ein zu hohes Fehlbildungsrisiko und eine hohe Mißerfolgsquote. Was meinen Sie?

Wolf: Technische Unzulänglichkeiten sollten aus meiner Sicht nicht das Hauptargument gegen das reproduktive Klonen sein. Denn es gibt große Speziesunterschiede: Mäuse zum Beispiel lassen sich mit der Dolly-Methode vergleichsweise schlecht klonen, Rinder aber dagegen relativ gut.

Es ist nicht völlig auszuschließen, daß sich die technischen Hürden für das Klonen von Menschen überwinden ließen und vielleicht sogar klinisch gesunde Klonbabys auf die Welt kämen. Dennoch bin ich gegen das Klonen von Menschen. Es wäre - auch genetisch - mit Inzest vergleichbar, und der ist fast überall auf der Welt geächtet.

Ärzte Zeitung: Das weit verbreitete Tabu von Inzest wird damit erklärt, daß er die genetische Varianz einschränkt und damit das Mißbildungsrisiko erhöht. Damit wären wir wieder beim Argument Ihrer Kollegen ...

Wolf: Ich denke nicht. Inzest wurde in vielen Populationen schon vor Jahrtausenden geächtet, als man sich über die genetische Varianz vermutlich noch gar keine Gedanken gemacht hat.

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