Ärzte Zeitung, 27.04.2005

Hoffnung auf kostengünstige Vakzine aus Pflanzen

Mit Hilfe der Gentechnik werden Pflanzen zu Impfstoff- und Medikamentenproduzenten umgewandelt

WIESBADEN (grue). So hatte man Nutzpflanzen bisher nicht betrachtet: Als Biofabriken, die kostengünstig Impfstoffe und Medikamente produzieren. Der grünen Gentechnik sind - methodisch gesehen - kaum Grenzen gesetzt. So gibt es bereits Bananen, die Impfstoffe enthalten, und Tabakpflanzen mit integriertem Kariesschutz.

Genetisch veränderte rohe Kartoffeln sind zur Auffrisch-Impfung gegen Hepatitis B geeignet. Foto: sth

CaroRX ist zum Beispiel ein rekombinanter Antikörper gegen den Karieserreger Streptococcus mutans, der sich hervorragend in Pflanzen herstellen läßt. Daß als Produzent ausgerechnet die Tabakpflanze gewählt wurde, ist nur auf den ersten Blick befremdlich.

"Die Antikörper-produzierende Pflanze wird ja nicht verzehrt, sondern zu einer Tinktur verarbeitet oder als Extrakt in Zahnpasta gemischt", erläuterte Professor Wilhelm Gruissem von der ETH Zürich beim Internistenkongreß in Wiesbaden. In klinischen Studien habe sich der Extrakt bereits als anhaltender Kariesschutz bewährt.

Dies sei nicht das einzige Beispiel für medizinische Anwendungen genetisch veränderter Pflanzen. "Es gibt bereits Pflanzen mit erhöhtem Vitamingehalt, günstigerer Nährstoffzusammensetzung und verringertem Allergiepotential", sagte Gruissem. So ist eine Impfung gegen Hepatitis B offenbar auch mit rohen Kartoffeln möglich.

Zumindest mit solchen, in die Forscher ein Antigen des Hepatitis-B-Virus eingebaut haben. Mit derart genetisch veränderten Kartoffeln ließ sich in einer Pilotstudie der Impfschutz bei den meisten Teilnehmern wieder auffrischen (wir berichteten).

Neuestes Produkt des "molecular farming" sind Bananen, die Impfstoffe gegen verschiedene Krankheiten enthalten. Frisch an der Staude wachsende Impfchargen sollen die herkömmlichen temperaturempfindlichen Vakzine ersetzen, so der Traum der Pflanzengenetiker.

Auch auf anderen Gebieten seien Erfolge zum Greifen nah, so Gruissem. So gibt es den mit Provitamin A angereicherten "Goldenen Reis", der den in Asien verbreiteten Vitamin-A-Mangel lindern könnte. Allerdings verhindern regulatorische Hürden den Anbau der gentechnisch veränderten Reissorte, obwohl Feldversuche in den USA erfolgreich abgeschlossen wurden.

"Weltweit erblinden pro Jahr eine halbe Million Kinder wegen Vitamin-A-Mangels, da ist es schwer verständlich, warum wegen rein hypothetischer Risiken der Anbau von Genpflanzen dermaßen stark eingeschränkt wird", so Gruissem. Langfristig könne sich die Menschheit eine solche Haltung nicht leisten.

Mit der Gentechnik lasse sich aber auch Ertrag und Qualität von Nutzpflanzen verbessern, sagte der Forscher. Als Beispiel nannte er Cassava, auch als Maniok bekannt. Genetisch veränderte Pflanzenlinien von Cassava sind wahlweise resistent gegen Viren und Wurmbefall oder zeichnen sich durch besondere Blattausbeute und geringe Bodenansprüche aus.

Aus Cassava lasse sich im Prinzip sogar eine neue Pflanze herstellen, so Gruissem. "Wir haben transgene Pflanzen mit optimierter Protein-Zusammensetzung entwickelt, mit denen sich der Bedarf an essentiellen Aminosäuren relativ einfach decken läßt."

Solche gentechnischen Strategien sollen primär helfen, die Ernährungslage in Regionen mit einer Mangelversorgung zu verbessern. Für diesen Ansatz wurde die Schweizer Forschungsgruppe beim Deutschen Tropentag 2004 mit einem Förderpreis in Höhe von 25 000 Euro ausgezeichnet.

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