Ärzte Zeitung, 08.11.2005

Hat Prostata-Ca ähnliche genetische Ursache wie Leukämie?

Fusion zweier zuvor getrennter Gene entdeckt / Nachweis in den meisten Tumorgewebe-Proben / Parallelen zu chronischer myeloischer Leukämie

BERLIN (gvg). US-Wissenschaftler der Universität Michigan haben einen Gendefekt entdeckt, der den meisten Prostatakarzinomen zugrunde liegen könnte. Es handelt sich um das Anlagern zweier zuvor getrennter Gene, eine Genfusion (Genverschmelzung), die bei der Entdeckung spezifischer Medikamente helfen könnte.

Das Gen, das die Forscher um Dr. Scott Tomlins bei 23 von 29 untersuchten Gewebeproben von Prostatakrebs-Patienten nachweisen konnten, ist ein Fusionsprodukt aus jeweils einem von zwei als Onkogene bekannten Genen für Transkriptionsfaktoren und einem Gen mit dem Bauplan für ein Enzym, eine Serinprotease, die durch die Zellmembran hindurchreicht. Transkriptionsfaktoren werden für die Proteinsynthese anhand des genetischen Bauplans gebraucht.

Die Entdeckung der US-Forscher kommt in ihrer Häufigkeit überraschend, weil viele Krebsforscher bisher davon ausgegangen sind, daß solide Tumoren wie das Prostatakarzinom sehr vielfältige genetische Veränderungen aufweisen. Anders ist das bei vielen hämatologischen Malignomen, bei denen oft einzelne Genveränderungen die verhängnisvolle Tumorkaskade in Gang setzen.

    Einzelne Gendefekte bei soliden Tumoren häufiger als gedacht.
   

Ihre mit Methoden der Bioinformatik erzielten Ergebnisse führten die US-Forscher zu der Hypothese, daß auch soliden Tumoren häufiger als gedacht einzelne, kausale Genveränderungen zugrunde liegen (Science 310, 2005, 644).

Anders als in der Hämatologie könnten diese jedoch durch andere Genveränderungen, die im Laufe der Tumorerkrankung sekundär dazu kommen, überdeckt werden, weswegen sie nicht so einfach zu finden sind.

Stimmte das, wären die mittelfristigen Konsequenzen für die Therapie nicht nur beim Prostatakarzinom erheblich. Denn ein einzelnes Genprodukt ist ein sehr viel einfacherer Angriffspunkt für eine gezielte medikamentöse Therapie als mehrere Veränderungen.

Eine schon klassische Erfolgsgeschichte dieser Art ist das Molekül Imatinib, das das Genprodukt des ebenfalls durch Genfusion entstandenen, tumorspezifischen Gens BCR-ABL bei chronischer myeloischer Leukämie hemmt. Professor Brian Druker aus Portland im US-Staat Oregon erhielt dafür, wie berichtet, kürzlich den Robert-Koch-Preis.

Für Druker sind die Arbeiten der Wissenschaftler aus Michigan zu Genfusionen beim Prostatakarzinom ein Durchbruch. "Auch wenn sich herausstellen sollte, daß sich dieses spezielle Gen nicht für eine gezielte Therapie eignet, zeigt es doch, daß die aufwendige Suche nach tumorspezifischen Genen zum Erfolg führen kann", sagte Druker aus Anlaß der Verleihung in Berlin.

Er ist fest davon überzeugt, daß diese Art der onkologischen Forschung noch für einige Überraschungen gut ist, nicht nur in der Hämatologie, sondern auch bei den soliden Tumoren.

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Onkogene

Onkogene wurden ursprünglich als Tumorgene der aktiv transformierenden Retroviren entdeckt. Diese Gene sind strukturell verwandt mit normalen zellulären Genen, den Protoonkogenen, die oft zentrale Funktionen bei der Kontrolle von Zellwachstum und -teilung ausüben. Mehr als 100 Gene dieses Typs mit einem breiten Spektrum an Mutationen sind in Tumoren bei Menschen gefunden worden.

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