Ärzte Zeitung, 16.01.2006

Vaterschaftstest bei den Steinzeitmenschen

Derzeit werden in Sachsen-Anhalt 4400 Jahre alte Skelette aus einem Familiengrab genetisch untersucht

HALLE/MAINZ (dpa). Eine internationale Expertengruppe hat mit der Entschlüsselung genetischer Merkmale der 4400 Jahre alten Steinzeitmenschen von Eulau (Sachsen-Anhalt) begonnen. "Die Gräber von Eulau bergen Rätsel, und wir hoffen jetzt einen Teil mit modernen naturwissenschaftlichen Analyseverfahren aufzuklären", sagt der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt Harald Meller. An dem Projekt sind Wissenschaftler der Universität Mainz, des Landesmuseums in Halle und ein Labor der Universität in Bristol (England) beteiligt.

Vor ihrer Bergung werden in Eulau bei Naumburg diese Skelette aus der Steinzeit vorsichtig gesäubert. Foto: dpa

Die Forscher untersuchen vier Familiengräber mit insgesamt 14 Skeletten von Männern, Frauen und Kindern, die im Sommer 2005 in Eulau entdeckt wurden.

"Wir wollen wissen, woher diese Menschen kamen, ob sie in Sachsen-Anhalt seßhaft oder nur auf der Durchreise waren und wie sie aussahen", sagt der Leiter der Arbeitsgruppe Prähistorische Anthropologie und Molekulare Archäologie an der Universität Mainz, Kurt W. Alt. Außerdem interessiere, welche Krankheiten sie hatten, wie sie sich ernährt haben, das genaue Alter und die Todesursachen. Erste Ergebnisse sollen Mitte des Jahres vorliegen.

Aber es geht auch um die wichtige Frage sozialer Strukturen in der Steinzeit. Die Forscher wollen unter anderem wissen, wie die Heiratsverhältnisse waren und ob Kinder, die mit Erwachsenen bestattet wurden, tatsächlich auch die leiblichen Kinder sind. "Mit dem DNA-Test können wir das Geschlecht der Leute und ihre konkreten verwandtschaftlichen Beziehungen bestimmen. Es ist eine Art Vaterschaftstest nach 4400 Jahren", sagt Alt.

Parallel zur Arbeit am genetischen Profil wird der Zahnschmelz mit Hilfe der Strontiumisotopie in Bristol analysiert. Natürlich wüerden auch die üblichen konventionellen Untersuchungen an den skelettalen Überresten der Toten vorgenommen, wie Dokumentation von Körpergröße, Krankheiten, Verletzungen und Gewalteinwirkungen, sagte Alt.

Bislang wissen die Archäologen, daß alle Familien gleichzeitig bestattet wurden. Die engen verwandtschaftlichen Beziehungen sind dadurch zu erkennen, daß sich einige der Toten an den Händen halten und einander zugewandt sind. Zudem gab es Gewalt in der Steinzeit. Im Skelett einer 30jährigen Frau steckte eine Pfeilspitze, und am Schädel einer anderen Frau entdeckten die Archäologen eine 7,5 Zentimeter lange Hiebspur. Das Opfer wurde zusammen mit seinen drei Kindern in einem gemeinsamen Grab begraben.

In den Steinzeit-Gräbern von Eulau wurden alle Familien nach dem strengen Grabritus der schnurkeramischen Epoche begraben. Die Schnurkeramiker verzierten ihre gesamten Gefäße mit dem Abdruck einer Schnur. Ihre Toten bestatteten sie stets mit angezogenen Beinen, auf der Seite hockend, wobei die Frauen immer mit dem Kopf nach Osten und die Männer immer mit dem Kopf nach Westen liegen. Die Blickrichtung aller war stets gegen Süden. Die Archäologen deuten das als Zeichen, daß diese Menschen an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten.  

 Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.archlsa.de

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