Forschung und Praxis, 16.06.2006

Regenerative Medizin im Aufwind

Erste klinische Studien zur Reparatur von Organschäden

Stammzellen ersetzen abgestorbenes Infarktgewebe, transplantierte Hepatozyten übernehmen zeitweise die Leberfunktion, die Gefäßwucherungen bei Lungenhochdruck werden zurückgedrängt - die regenerative Medizin war ein Schwerpunktthema beim 112. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Eine Bilanz hat Kongreßpräsident Professor Werner Seeger von der Universität Gießen im Gespräch mit Angela Speth gezogen.

Forschung und Praxis: Herr Professor Seeger, ein Schwerpunkt des Kongresses war die regenerative Medizin. Warum haben Sie gerade dieses Thema ausgewählt?

Seeger: Weil es dazu jetzt erste klinische Studien mit erstaunlichen Erfolgen gibt: Stammzellen scheinen bei Herzinfarkt vorteilhafte Effekte zu besitzen, Tissue Engineering erleichtert die Wiederherstellung von Luftröhre und Harnblase, transplantierte Hepatozyten übernehmen zeitweise die Funktion der Leber.

Forschung und Praxis: Welche Erfolge gibt es in Ihren Arbeitsbereichen?

Seeger: Ein Beispiel ist der chronische Lungenhochdruck. Bei dieser Erkrankung wuchern die Zellschichten in den Lungengefäßen so extrem, daß sich ihr Durchmesser auf ein Zehntel oder ein Zwanzigstel verengt. Folglich erhöhen sich der Druck und der Widerstand in der pulmonalen Zirkulation, es kommt zum Rechtsherzversagen.

Hier besteht das Ziel der regenerativen Medizin darin, den Umbau der Gefäßwand rückgängig zu machen. Das kann durch neueste Therapie-Ansätze erreicht werden, wobei Phosphodiesterase-Inhibitoren wie Sildenafil und - nach jüngsten Ergebnissen - auch das für die chronische Leukämie zugelassene Imatinib besonders erfolgversprechend sind.

Forschung und Praxis: Könnten Sie außerdem ein Beispiel für den Aufbau neuer Strukturen in Organen schildern?

Seeger: Da wäre die Transplantation knochenmarkständiger Stammzellen in oder nach der Akutphase des Myokardinfarkts zu nennen. Bei den so behandelten Patienten erholte sich die Pumpfunktion des Herzens signifikant besser als bei jenen, die Placebo bekommen hatten. Nachgewiesen wurde das in einer doppelblinden randomisierten Placebo-kontrollierten Studie mit über 200 Patienten. Ihnen wurde wenige Tage nach dem Infarkt Knochenmark entnommen und über einen Ballonkatheter in das Koronargefäß infundiert.

Nach vier Monaten war die linksventrikuläre Auswurffraktion in der Verumgruppe signifikant größer als in der Placebogruppe. Außerdem hatte sich bei den Patienten, die eine intrakoronare Zelltherapie erhalten hatten, die Zahl kritischer Ereignisse - Tod, erneuter Herzinfarkt oder Wiederaufnahme in die Klinik wegen Herzinsuffizienz - verringert.

Forschung und Praxis: Ein weiteres Schwerpunktthema war die individualisierte Medizin. Welche Ansätze gibt es hier?

Seeger: Ein Beispiel ist die Behandlung von Patienten mit Polytraumen: Erste Ergebnisse aus dem Nationalen Genom Forschungsnetz unter Leitung von Professor Trinad Chakraborty aus Gießen sprechen dafür, daß man an den Veränderungen bei der Genregulation der Zytokine frühzeitig die Entwicklung einer Sepsis erkennen kann. Eine rasche Analyse direkt am Krankenbett liefert die Möglichkeit, Diagnose und Therapie besser auf den einzelnen Patienten abzustimmen und eine genaue Prognose zu stellen.

Dabei soll die Individualisierung kein Gegensatz zum bisherigen Dogma der Evidenz-based-Medizin sein, sondern sie reicht bloß weiter. Leitlinien geben an, wie der Durchschnitt der Patienten auf bestimmte Medikamente reagiert. Individualisierung hat zum Ziel, maßgeschneiderte Ansätze für den einzelnen Patienten zu finden.

Forschung und Praxis: Wie war beim Internistenkongreß die Resonanz auf die Schwerpunktthemen?

Seeger: Sie war sehr groß. Man hätte ja befürchten können, daß die meisten Besucher, die doch hauptsächlich wegen der Fortbildung gekommen sind, solche Ansätze für zu stark zukunftsorientiert halten. Aber allen praktischen Ärzten ist klar, daß sich in den nächsten zehn Jahren hier viel tun wird.

Forschung und Praxis: Was ist denn darüber hinaus auf besonderes Interesse gestoßen?

Seeger: Erstaunlich gut besucht war eine neue Art von Vorträgen, genannt "Clinical Year in Review". Sie fanden in Halle 1 statt, wo 1500 Besucher Platz haben - und es war voll. Dort wurde in einem Block von drei Übersichtsreferaten vorgestellt, was sich im vergangenen Jahr in einem bestimmten Schwerpunktbereich Neues getan hat. An der ganzen Atmosphäre war zu spüren, daß es ein lebendiger Kongreß war. Unser Anliegen war, die jüngeren Leute einzubeziehen, denn im vergangenen Jahr hatte die DGIM einen Zuwachs von 1500 neuen Mitgliedern, zumeist jungen Ärzten. Gefreut hat mich die hohe Bereitschaft, morgens früh um sieben an zusätzlich eingeschobenen neuen Veranstaltungen, den Tutorials, teilzunehmen. Dabei stand ein kompetenter Redner eine Stunde lang für Fragen zu einem bestimmten Gebiet zur Verfügung, zum Beispiel stellte er eine Leitlinie vor und das Publikum konnte exklusiv mit ihm darüber diskutieren.

Forschung und Praxis: Wird der nächste Kongreß von diesen Erfahrungen profitieren?

Seeger: Der Gedanke, neue wissenschaftliche Erkenntnisse aufzugreifen und in die ganzheitliche Medizin einzubetten, hat schon immer die Innere Medizin geprägt und wird sicher auch den nächsten Kongreß prägen. Das Motto, das der künftige Kongreßpräsident Professor Wolfgang Hiddemann aus München bei der Abschlußpressekonferenz ausgegeben hat, spiegelt das sehr gut wider. Es lautet: "Hochleistungsmedizin und Menschlichkeit".

Forschung und Praxis: In ihrem Berufsalltag müssen die Kollegen verdeckte Rationalisierung und schlechte Vergütung mit einer optimalen Betreuung der Patienten in Einklang bringen. Muß die Debatte über diese Widersprüche nicht stärker im Kongreßprogramm berücksichtigt werden?

Seeger: Im Vordergrund werden diese Aspekte nicht stehen, weil die DGIM eine wissenschaftliche Gesellschaft ist. Berufspolitische Fragen gehören zu den Aufgaben des Berufsverbands der Internisten, des BDI. In dem Maße aber wie überbordende Bürokratisierung oder unangemessene Bezahlung die Kernsubstanz der Inneren Medizin bedrohen, muß auch die wissenschaftliche Fachgesellschaft einschreiten. Das ist zum Beispiel in Pressemitteilungen oder meiner Eröffnungsrede bereits geschehen. Darin habe ich zum Beispiel kritisiert, daß die ärztliche Versorgungsfreiheit offenbar weniger gilt als etwa die Unabhängigkeit der Justiz. Wie, so muß man sich doch fragen, soll der Arzt unabhängiger Anwalt seines Patienten und seiner individuellen Behandlungsmöglichkeiten bleiben, wenn er durch die Wahl der Therapie gleichzeitig sich selbst wirtschaftlichen Schaden zufügen oder sich bereichern kann?

Forschung und Praxis: Was gibt es für Ideen, die Bürokratisierung für die Kollegen abzubauen?

Seeger: Ein Weg wäre, Assistenzberufe mit der Dokumentation zu beauftragen, denn allgemein klagen ja die Kollegen, daß ein großer Teil ihrer Arbeitszeit durch diese Pflichten aufgefressen wird.

Ein Beispiel aus der Forschung ist die Antragsflut bei klinischen Studien: Wenn einzelne Forscher aus der Klinik auf ihre Initiative hin aktiv werden, stehen sie einem Wust von Regulationen gegenüber. Bis der Antrag in Deutschland genehmigt ist, ist die Untersuchung an anderer Stelle schon gelaufen. Dies birgt die Gefahr, daß Studien gar nicht mehr gemacht werden - ein Widerspruch zu dem Ziel, die klinische Forschung in Deutschland zu fördern. Hier muß das Antragsverfahren dringend vereinfacht werden.

Deutsche Stiftung Innere Medizin fördert die Forschung

Vor einem Jahr hat die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin die Deutsche Stiftung Innere Medizin unter dem Dach des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft errichtet. Die Stiftung wurde als Zustiftung errichtet, so daß Zuwendungen dem Vermögen hinzuwachsen. Sie erhöhen das Anfangsvermögen, mit dem die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin die Stiftung ausgestattet hat.

Zweck ist die Förderung der Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Inneren Medizin, der Grundlagen- und der klinischen Forschung. Es sollen besonders Projekte gefördert werden, die die gemeinsame Basis innerer Erkrankungen untersuchen.

Der Stiftungszweck soll verwirklicht werden durch Förderung von Forschungsvorhaben, Unterstützung, Organisation oder Förderung von wissenschaftlichen Veranstaltungen, Vergabe von Preisen, Vergabe von Forschungsaufträgen und Gewährung von Stipendien.

Die Nummer des Spendenkontos lautet: 0007 555 555, Bankleitzahl: 300 606 01. Stiftungsbeauftragter ist Professor Manfred Weber, Kliniken der Stadt Köln, Ostmerheimer Str. 200, 51109 Köln, E-Mail: manfred.weber@uni-koeln.de

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