Ärzte Zeitung, 06.09.2006

Forscher stellen Antikörper in Tabakpflanzen her

Mit neuem Verfahren lassen sich große Antikörpermengen produzieren / Ernte bereits nach zwei Wochen möglich

HALLE/SAALE (mut). Blätter von Tabakpflanzen kann man nicht nur rauchen, man kann daraus vielleicht auch bald Antikörper gegen Tumorzellen und gefährliche Erreger gewinnen. Deutsche Forscher haben es jetzt erstmals geschafft, die Pflanzen so zu programmieren, daß sie in kurzer Zeit monoklonale Antikörper in großen Mengen produzieren.

Noch wird Tabak nur zum Rauchen angebaut. Das könnte sich ändern, wenn sich in den Pflanzen Antikörper wirtschaftlich herstellen lassen. Foto: dpa

Damit ist den Wissenschaftlern des Biotechnologie-Unternehmens Icon Genetics in Halle/Saale offenbar ein Durchbruch bei der Herstellung von monoklonalen Antikörpern in Pflanzen gelungen. Solche Antikörper werden in der Diagnostik und Therapie benötigt und bislang in Kulturen von Säugetierzellen produziert. Damit lassen sich jedoch nur relativ geringe Mengen herstellen - Therapien mit monoklonalen Antikörpern, etwa in der Onkologie, sind entsprechend teuer.

Alle Versuche zur industriellen Produktion von Antikörpern in Pflanzen scheiterten bislang entweder daran, daß man Jahre benötigte, um transgene Pflanzen herzustellen, die die gewünschten Antikörper produzierten, oder daß die produzierte Menge zu gering war.

Mit ihrem neu entwickelten Verfahren ist es den Forschen nun gelungen, innerhalb von zwei bis drei Wochen monoklonale Antikörper im Grammbereich herzustellen - mit Säugerzellen sind damit bei einem vergleichbaren Aufwand meist sechs bis zwölf Monate nötig.

Um diesen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, haben die Forscher um Dr. Anatoli Giritch tief in die biotechnische Trickkiste gegriffen. Sie nutzten die Tatsache, daß der Pflanzenkeim Agrobacterium tumefaciens fremdes Erbmaterial in Tabakpflanzen einschleusen kann.

Die Forscher produzierten Bakterien, die die Bauanleitung von zwei verschiedenen Pflanzenviren enthielten. Jedes dieser Viren enthielt wiederum die Bauanleitung für eines von zwei Proteinen, aus denen ein Antikörper zusammengesetzt ist. Das PflanzenBakterium schleust also die Viren in die Tabakpflanze ein. Die Viren infizieren Zellen, und diese bauen dann die kompletten Antikörper zusammen.

Zudem vermehren sich die Viren in den infizierten Zellen, werden freigesetzt und können andere Zellen befallen, wodurch sich die Ausbeute erhöht.

Die Forscher testeten das Verfahren mit dem humanen Tumor-Antikörper A5. Sie konnten damit in kurzer Zeit pro Kilogramm Tabakblätter ein halbes Gramm des Antikörpers ernten. Jetzt müssen die Forscher in Tierexperimenten schauen, ob die so produzierten Antikörper tatsächlich wirksam und sicher sind.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Traum von billigen Antikörpern

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »

Ein Wettbewerbsverbot ohne Entschädigung ist ungültig

Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung? Das geht nicht, urteilt das Bundesarbeitsgericht. Ist das im Arbeitsvertrag dennoch so vorgesehen, können Arbeitnehmer nachträglich aber kein Geld einklagen. mehr »