Ärzte Zeitung, 11.09.2007

Gendiagnostik nimmt zu, aber die Beratung ab

Experten sehen im Vergütungssystem wenig Anreiz zur Beratung / Hilfe bei positiven Tests eigentlich unerlässlich

BERLIN (ami). Die Zahl der Gentests in Deutschland hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Dabei stagnierte die Anzahl der Beratungen. Experten betrachten diese Entwicklung als alarmierend und fordern mehr Qualitätssicherung.

Die Zahl der gendiagnostischen Untersuchungen hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Die Zahl der Beratungen aber stagniert. Foto: dpa

"Immer mehr gendiagnostische Untersuchungen werden ohne Beratung durchgeführt", sagte der Humangenetiker Jörg Schmidtke von der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Schmidtke führt das unter anderem darauf zurück, "dass ein großer Anreiz zur Beratung durch unser Vergütungssystem nicht gegeben ist".

120 Euro gibt es für eine mehrstündige Beratung

Etwa 120 Euro fließen Schmidtkes Angaben zufolge für eine drei- bis vierstündige Beratung. Teils gebe es Wartezeiten für Beratungstermine. Besonders wenn bei so genannten rein prädiktiven Tests im Fall eines positiven Testergebnisses keine Behandlungsmöglichkeit gegeben ist, sei eine Beratung aber unbedingt erforderlich, so Schmidtke. Die Wissenschaftler möchten auch, dass diese Tests nur von Ärzten vorgenommen werden.

In ihrem neuen Ergänzungsband zum Gentechnologiebericht "Gendiagnostik in Deutschland" fordert die Arbeitsgruppe deshalb auch dringend Qualitätssicherungsinstrumente für die Gendiagnostik. Humangenetiker haben für Deutschland bislang zwölf Leitlinien entwickelt. In der Versorgungspraxis halten die BBAW-Wissenschaftler es jedoch für nötig, dass die gentechnische Krankheitsversorgung auf große klinische Zentren konzentriert wird.

"Nur so ist eine ausreichende Qualitätssicherung mit standardisierten Untersuchungen zukünftig zu gewährleisten", sagte der Sprecher der Arbeitsgruppe Bernd Müller-Röber. Die BBAW-Experten plädieren zudem dafür, dass das generelle Verbot von Gendiagnostik an Embryonen aufgehoben wird. "Es gibt Hinweise, dass bei In-Vitro-Fertilisation eine Untersuchung des Embryos vor Einpflanzung in den Uterus sinnvoll ist, um die Schwangerschaftsraten zu verbessern", so Schmidtke.

Kosten und Nutzen von Screenings noch wenig erforscht

Mit Blick auf den gesundheitsökonomischen Nutzen gendiagnostischer Reihenuntersuchungen spricht sich die Arbeitsgruppe dafür aus, sorgsam Kosten und Nutzen abzuwägen. Nur für wenige erbliche Erkrankungen gebe es überhaupt Untersuchungen über den Erfolg eines Screenings. Beim familiären Brustkrebs, bei dem Gendiagnostik in einigen Integrationsverträgen bereits von Krankenkassen übernommen wird, sei die Datenlage widersprüchlich, so die Experten.

Gendiagnostik in Deutschland. Status Quo und Problemerkundung. Supplement zum Gentechnologiebericht. Hrsg. Jörg Schmidtke et al. Limburg 2007, ISBN 978-3-940647-00-9, 39,95 Euro.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »