Ärzte Zeitung online, 21.05.2008

Deutsches Nein zu britische Beschlüsse zur Stammzellforschung

LONDON (dpa). Die Bundesärztekammer hat als Reaktion auf die geplante Ausweitung der Stammzellforschung in Großbritannien einen ethischen Moralkodex für Mediziner in Europa gefordert. "Nicht alles, was machbar ist, ist auch vernünftig und sollte gemacht werden", sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, am Rande des 111. Deutschen Ärztetages am Dienstag in Ulm.

Dabei dürften die Forscher nicht immer nach dem Gesetzgeber rufen, sondern müssten selber aktiv werden. Ergebnis dieser Debatte dürfe aber nicht sein, dass einzelne Forscher, die an einem solchen Projekt mitarbeiten, strafrechtlich verfolgt werden.

Das britische Parlament hatte in der Nacht zum Dienstag für die Herstellung von Embryonen aus Menschen-Erbgut und Tier-Eizellen gestimmt. Zudem befürwortete es die Auswahl von Embryonen, um kranke Geschwister zu retten. Dabei suchen Ärzte nach einer künstlichen Befruchtung einen Embryo aus, der genetisch am besten zu einem lebensbedrohlich erkrankten Mädchen oder Jungen passt. Diese erhalten dann zur Therapie Zellen aus der Nabelschnur oder des Knochenmarks des ausgewählten sogenannten "Retter-Geschwisters" (wir berichteten).

BÄK-Vize Montgomery lehnt "Retter-Geschwister" ab

Die Herstellung von Chimären aus Tier und Mensch wie auch der "Retter-Geschwister" lehnte Montgomery entschieden ab. "Das ist mit der Würde des Menschen, die beim Embryo vorhanden ist, nicht vereinbar", sagte er. Bis ins Altertum hinein sei die Produktion von Chimären immer wieder mit besonders erschreckenden Bildern vom Untergang von Staaten und Gesellschaften verbunden gewesen. "Man muss hier wirklich mal innehalten, ob das der Forschung wirklich weiterhilft und ob das den Preis der Aufgabe des Grundwerts menschlichen Lebens wert ist." Bei der Herstellung sogenannter Chimären höre die moralische Forschungsfreiheit auf.

Allerdings ist die in Großbritannien geplante Stammzellforschung in Deutschland nach Angaben des Vizepräsidenten der Bundesärztekammer auch nicht möglich. "Es wäre nicht nur nicht denkbar, es wäre auch total ungesetzlich." Montgomery glaubt auch nicht daran, dass durch den Vorstoß in Großbritannien eine Debatte in Deutschland losgetreten wird. "Sowohl der Mensch als Ersatzteillager wie auch die Herstellung von Chimären ist in Deutschland verboten."

Forschungsgemeinschaft hat Zweifel an Erfolg der Versuche

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bezeichnete die Arbeiten mit Embryonen aus Tier und Mensch als wissenschaftlich problematisch und wenig zielführend. "Man sollte dieses Thema sehr behutsam handhaben", sagte DFG-Vizepräsident Professor Jörg Hinrich Hacker am Dienstag. In Deutschland hätten Experimente mit Chimären keine Perspektive, da die deutsche Bevölkerung bei der Stammzellenforschung ohnehin eine eher restriktivere Auffassung habe. Zudem zweifelt Hacker am Erfolg von Chimären und der Produktion sogenannter Retter-Geschwister. "Die Wissenschaft sollte nichts versprechen, was sie möglicherweise nicht einhalten kann."

Bundesregierung schließt Stammzell-Offensive aus

Die Bundesregierung und Forschungspolitiker haben eine Stammzellen-Offensive wie in Großbritannien ausgeschlossen. Das britische Parlament hatte der Herstellung von Embryonen aus Mensch und Tier zugestimmt und auch die Auswahl von künstlich gezeugten Embryonen zu Therapiezwecken befürwortet. "Die Herstellung von Chimären ist in Deutschland verboten und wird es auch bleiben", sagte ein Sprecher von Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) am Dienstag. Das Gesundheitsministerium erklärte in Berlin, auch die vom Londoner Parlament angestoßene Auswahl von Embryonen, um kranke Geschwister zu retten, sei in Deutschland nicht zulässig.

"Die bei diesem Verfahren eingesetzte Präimplantationsdiagnostik und die Selektion sind nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Es ist nicht beabsichtigt, dieses Verfahren durch eine Änderung des Gesetzes zu ermöglichen", sagte ein Ministeriumssprecher. Zweifel an der deutschen Rechtslage bei der Herstellung von Embryonen aus Menschen-Erbgut und Tier-Eizellen äußerte dagegen der SPD-Experte René Röspel.

Es gebe gewichtige Stimmen, die darauf hinwiesen, dass einige der in Großbritannien diskutierten Techniken zur Chimären-Produktion durch das deutsche Embryonenschutzgesetz nicht verboten seien. "Daher muss sich der Bundestag die Frage stellen, ob eine Klarstellung der Ablehnung der Herstellung von Chimären geboten und erforderlich ist", sagte Röspel.

Grüne: Britische Entscheidung senkt ethische Hürden

Die Forschungsexpertin der Grünen, Priska Hinz, bedauerte die Entscheidung der britischen Abgeordneten: "Damit werden die ethischen Hürden für die embryonale Stammzellforschung weiter gesenkt. Die Grenze zwischen Mensch und Tier darf nicht aufgehoben werden." Die forschungspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Ilse Aigner (CSU), sagte, sie hoffe, dass von einer Chimären-Freigabe auf der Insel kein Anreiz für Wissenschaftler in anderen Ländern ausgehe.

Der Bundestag hatte im April deutschen Stammzellenforschern mit dem Zugang zu jüngeren Zelllinien aus dem Ausland mehr Spielraum gegeben. Das Parlament beschloss mit klarer Mehrheit eine Verschiebung des umstrittenen Stichtags auf den 1. Mai 2007. Zuvor durften die Wissenschaftler nur Stammzellen verwenden, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen und nach Deutschland importiert wurden.

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