Ärzte Zeitung, 06.06.2016

CRISPR

Großes Interesse an Gen-Editing

Auch in Europa wird Gen-Editieren bei menschlichen Embryonen vorbereitet. Die nötigen gentechnischen Methoden wie CRISPR verbreiten sich in rasantem Tempo. Chancen und Risiken müssen aber abgewogen werden.

Ein Leitartikel von Peter Leiner

PARIS. Die Diskussionen, die heute im Zusammenhang mit neuen Gentechnik-Methoden wie CRISPR-Cas9 geführt werden, rufen bei Professor S¢ren Holm, Bioethiker an der School of Law der Universität von Manchester, einen "leichten Déjà-vu-Effekt" hervor, wie er jüngst bei einer Tagung unter anderem der US National Academy of Sciences in Paris gestand.

Er erinnerte an die Konferenz in Asilomar, als es erstmals um die Chancen und Risiken der noch jungen rekombinanten Gentechnik ging (Science 2015; 348/6230: 36-38).

Die Wissenschaftler einigten sich damals darauf, zur Sicherheit die gentechnischen Versuche unter strikten Auflagen fortzuführen. Viele Argumente für oder gegen die neuen Methoden seien auch in den 1980er-Jahren ausgetauscht worden, als es um Nutzen und Risiken der Gentherapie gegangen sei.

CRISPR revolutoniert die Gentechnik

Und heute ist es die Methode CRISPR. Sie revolutioniert derzeit die Gentechnik und wird bereits in der Tier- und Pflanzenproduktion genutzt, weil mit ihr recht einfach und effizient - und kostengünstig obendrein - Gene mithilfe des Enzyms Cas9 etwa durch Zerschneiden der DNA verändert werden können.

Seit 2012 sind dazu bereits mehr als 1600 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht worden. In einer aktuellen Veröffentlichung zeigen Forscher aus den USA sogar erstmals, dass zur Genkorrektur offenbar das Zerschneiden des DNA-Doppelstrangs gar nicht mehr erforderlich ist (Nature 2016; online 20. April).

Denn es ist ihnen auf der Grundlage der CRISPR-Methode gelungen, gezielt einzelne Genbausteine "auszutauschen", indem diese chemisch mithilfe eines anderen Enzyms in jeweils einen anderen Baustein verwandelt wurden.

Die Forscher bezeichnen die Technik als "Base Editing" in Anlehnung an den Begriff "Gene Editing". Mit ihr könnten krankheitsauslösende Punktmutationen korrigiert werden.

Willkommenes Werkzeug, um menschliche Embryonen genetisch zu verändern

Das Interesse an CRISPR ist nicht nur unter den Profis groß. Wegen der einfachen Anwendung interessieren sich verständlicherweise inzwischen auch weniger Versierte im DIY-Sektor (Do It Yourself) für diese Technik - oder gar blutige Anfänger.

So pries denn auch Bethan Wolfenden von dem Unternehmen Bentio Bioworks in London auf der Tagung in Paris das Verfahren als "nicht schwierig" an. Tatsächlich gibt es bereits spezielle "DIY CRISPR Kits", Baukästen für rund 160 US-Dollar mit allen erforderlichen Komponenten, um zum Beispiel Hefezellen genetisch zu verändern.

CRISPR ist aber auch ein willkommenes Werkzeug, um menschliche Embryonen im Frühstadium genetisch zu verändern. Es gibt bereits zwei chinesische Publikationen, in denen über erste mehr oder weniger erfolgreiche Versuche berichtet wurde.

Sie werden nicht die Einzigen bleiben, denn vor Kurzem erhielt Dr. Kathy Niakan am Francis Crick Institute in London die Erlaubnis, mithilfe der neuen Technik genetische Veränderungen an menschlichen Embryonen bis zum 14. Lebenstag vorzunehmen.

Mit solchen Versuchen, die in Deutschland verboten sind, will sie die Embryonalentwicklung bei Menschen besser verstehen. Schwedische Wissenschaftler um Dr. Fredrik Lanner vom Karolinska-Institut in Stockholm wollen es ihr noch in diesem Jahr gleichtun.

Keimbahnveränderung - der nächste Schritt

Der nächste Schritt wäre die Keimbahnveränderung, um Nachkommen vor einer genetischen Erkrankung zu bewahren.

Wenn die CRISPR-Methode sicher sei, so stünde dem nichts entgegen, wie einige Teilnehmer der Pariser Konferenz meinten. Die Gefahr unerwünschter Effekte lasse sich über kurz oder lang bannen.

Die meisten Teilnehmer plädierten jedoch glücklicherweise dafür, sich generell an die Oviedo-Konvention von 1999 zu halten, das "Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin" des Europarates, das inzwischen von 29 Staaten ratifiziert wurde und bereits mehrere Zusatzprotokolle erhalten hat. Zwei Artikel der Konvention hoben Tagungsteilnehmer mehrmals hervor.

So heißt es im Artikel 13: "Eine Intervention, die auf die Veränderung des menschlichen Genoms gerichtet ist, darf nur zu präventiven, diagnostischen oder therapeutischen Zwecken und nur dann vorgenommen werden, wenn sie nicht darauf abzielt, eine Veränderung des Genoms von Nachkommen herbeizuführen."

Und Artikel 18 ergänzt: "1. Die Rechtsordnung hat einen angemessenen Schutz des Embryos zu gewährleisten, sofern sie Forschung an Embryonen in vitro zulässt."

Und: "2. Die Erzeugung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken ist verboten." Bleibt zu hoffen, dass sich noch mehr Staaten - auch außerhalb der EU - dieser Konvention anschließen.

Rasante Entwicklung

Die rasante Entwicklung sowie die Verbreitung der CRISPR-Technik selbst in den Do-it-yourself-Bereich erstaunt.

Ob die Gesellschaft auf die mögliche Anwendung in der Medizin bereits vorbereitet ist, ist zu bezweifeln. Zur Aufklärung und Einleitung einer breiten Diskussion über CRISPR und Co. reichen die wenigen öffentlichen Treffen von Forschern nicht aus.

Die Diskussion wird sich im Spannungsfeld bewegen müssen zwischen Harmlosigkeit im Sinne der DIY-Community und Gefährlichkeit, wie sie sich in einer Liste von Dr. James R. Clapper, Leiter der National Intelligence, über weltweite Bedrohungen widerspiegelt.

In ihr ist das "Genome Editing" im Abschnitt über Massenvernichtungswaffen neben koreanischen Nuklearwaffen und chemischen Waffen aus Syrien und dem Irak zu finden.

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