Ärzte Zeitung, 11.03.2004

Pendelei zum Arbeitsplatz macht viele Menschen krank

Auto- und Bahnfahrer betroffen / Abwechslung hilft

GELDERN (sgs). Pendler leben nicht nur wegen des erhöhten Unfallrisikos auf dem Weg zum Arbeitsplatz gefährlich.

In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit müssen immer mehr Menschen lange Wege in Kauf nehmen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Diese Belastung kann bei Berufspendlern psychosomatischen Störungen auslösen. Fotos: dpa

"Berufspendler leiden in viel höherem Ausmaß als Arbeitnehmer mit kurzem Arbeitsweg an psychosomatischen Beschwerden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Ängsten, Störungen der Sexualität, funktionellen Magen-Darm-Beschwerden und Bluthochdruck", sagt Dr. Steffen Häfner, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin an der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart.

Betroffen seien nicht nur Auto-, sondern auch Bahn-Fahrer, sagte Häfner auf der Tagung "Arbeit und Familie - Lebensfelder seelischer Gesundheit" des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin im nordrhein-westfälischen Geldern.

"Allerdings wird der Beschwerdedruck geringer, wenn die Pendler bei der Fahrt lesen, schlafen oder lernen können", führte Häfner aus. Abhilfe könnten seiner Ansicht nach spezielle Beratungsangebote für Pendler in den Betrieben sowie in Bahnhofsgebäuden und Zügen schaffen.

Nicht nur die Veränderungen in der Arbeitswelt, auch kurzlebige Beziehungen und die zunehmende Verarmung von Familien mit Kindern haben häufig psychosomatische Beschwerden zur Folge.

Die Politik in Deutschland widme diesen Krankheitsursachen noch zu wenig Aufmerksamkeit, kritisierte Professor Manfred Cierpka, Familientherapeut an der Universitätsklinik Heidelberg. Präventionsmaßnahmen müßten darauf abzielen, "die Bedingungen für psychische Reifung im Kindesalter zu verbessern".

Der Therapeut monierte, weder Kindergärten noch Schulen seien ausreichend auf die erzieherischen Anforderungen vorbereitet, die sich aus den veränderten Lebensbedingungen vieler Kinder ergäben.

"Die Betroffenen haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, beispielsweise für Angststörungen, Depressionen, Schmerzen und Gefäßerkrankungen bis hin zum Herzinfarkt", sagte Cierpka.

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