Ärzte Zeitung, 17.12.2004

HINTERGRUND

Vor allem Kaugummi-Kauen läßt viel Quecksilber aus Amalgam-Füllungen verdampfen

Von Thomas Müller

Wer viele Amalgam-Füllungen hat und unablässig Kaugummis kaut, der kann seine Quecksilberbelastung um das Zehn- bis Zwanzigfache steigern. Damit erreicht er Werte, wie sie sonst nur bei Industriearbeitern gemessen werden, die mit dem Schwermetall Kontakt haben.

Ein Zahnarzt ersetzt die Amalgamfüllung einer Frau durch eine plastische Keramikfüllung. Grund dafür ist oft die Furcht vor Schäden durch Quecksilber. Foto: dpa

Solche hohen Werte haben vor allem Raucher, die sich ihr Laster mit Nikotinkaugummis abgewöhnen wollen: Sie kauen oft mehrere Stunden täglich. Nach den Daten einer neuen Meta-Analyse dürfte das aber noch immer weit weniger schädlich sein als weiterzurauchen.

300 Studien zur Belastung durch Quecksilber ausgewertet

Wie gefährlich das Schwermetall in Zahnfüllungen ist, das hat nun eine Expertenkommission versucht herauszufinden, indem sie 300 Studien zu dem Thema ausgewertet hat. Die Analyse wurde von einem Konsortium der wichtigsten US-Gesundheitsbehörden in Auftrag gegeben und von der Organisation Life Science Research Office (LSRO) ausgeführt. Der Bericht kann jetzt über die Adresse www.lsro.org online bezogen werden.

Für die Meta-Analyse wurden nur Studien ausgewertet, die nach 1996 erschienen sind. Damit knüpft die Untersuchungen an vorhergehende Meta-Analysen an.

Das wesentliche Ergebnis der neuen Analyse: Ähnlich wie in früheren Meta-Analysen ließ sich keinerlei Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung aus Zahn-Amalgam und Gesundheitsschäden nachweisen.

Doch die neue Analyse gibt ein sehr differenziertes Bild dessen, was man derzeit über das Gefahrenpotential von Amalgam weiß - und eben noch nicht weiß.

Um dieses Potential einzuschätzen, lohnt sich ein Vergleich mit der Belastung von Menschen, die quecksilberhaltige Produkte wie Thermometer oder Leuchtstoffröhren herstellen. In Arbeitsschutz-Richtlinien wird empfohlen, daß die Quecksilberbelastung einen Wert von 35 µg pro Liter Urin nicht überschreiten sollte.

Zum Vergleich: Symptome einer chronischen Quecksilbervergiftung wie Tremor, Ataxie, Hör- und Nierenschäden wurden bei Arbeitern festgestellt, deren Urin-Werte dauerhaft über 50 µg/l lagen. Eine physiologische Reaktion tritt jedoch schon bei geringeren Konzentrationen des Schwermetalls auf: Bestimmte Nieren-Enzyme steigern ihre Aktivität bereits bei Werten zwischen 25 und 35 µg/l.

Wie hoch ist nun die Belastung durch Zahn-Amalgam?

Das hängt von der Zahl der Füllungen und deren Zustand ab. Im Schnitt wurde in Studien bei den meisten Menschen ein Wert von etwa 1 µg/l festgestellt. Bei Personen mit im Schnitt 20 Füllungen lag der Wert etwa doppelt so hoch, konnte jedoch bei einzelnen Personen bis auf über 6 µg/l ansteigen. Leicht erhöhte Werte um etwa 4-5 µg/l ließen sich in einer Studie bei Menschen noch etwa zwei Wochen nachweisen, nachdem sie eine neue Amalgam-Füllung bekommen hatten.

Insgesamt, so die Autoren der Analyse, liege jedoch ein komfortabler Sicherheitsabstand zwischen der Quecksilberbelastung durch Amalgam und Werten, die chronische Vergiftungssymptome hervorrufen.

      Alkohol löst
vermehrt das Schwermetall aus Plomben.
   

Alkohol kann jedoch die Quecksilberbelastung erhöhen: In Studien war bis zu 30 Minuten nach einem Drink die Freisetzung aus den Füllungen um das Fünf- bis Zehnfache erhöht. Häufiges Zähneknirschen verdoppelte dagegen nur die Belastung.

Am meisten Quecksilber wird aber offenbar durch Kaugummikauen freigesetzt. Bei Rauchern mit mehr als 20 Plomben, die täglich mehrere Stunden Nikotin-Kaugummis kauten, wurden Spitzenwerte bis zu 25 µg/l Quecksilber im Urin gemessen. Das, so die Autoren, sei immerhin eine beträchtliche Menge.

Kein erhöhtes Demenzrisiko bei Menschen mit vielen Füllungen

Hinweise, daß die Quecksilbermenge aus Amalgam tatsächlich gefährlich ist, konnten die Autoren jedoch nicht finden.

In einer Studie mit über 550 Personen älter als 30 Jahre schnitten solche mit vielen Amalgam-Füllungen in neuropsychologischen Tests ähnlich gut ab wie Personen mit keinen oder wenigen Füllungen.

In einer deutschen Studie mit 300 im Mittel 80jährigen Personen war die Diagnose Demenz unter Personen mit keinen oder wenigen Füllungen ebenso häufig wie bei Personen mit vielen Füllungen. Und bei Alzheimer-Patienten, Patienten mit M. Parkinson, Nierenkrankheiten oder Multipler Sklerose waren die Quecksilberwerte im Urin ähnlich hoch wie bei Gesunden.

Allerdings, so die Autoren, fehlt es noch an Langzeitdaten, mit denen sich eine Gesundheitsgefährdung durch Amalgam sicher ausschließen läßt. Unklar ist auch, ob eine niedrige Dauer-Belastung durch Amalgam eine teratogene Wirkung hat und etwa die Gehirnentwicklung von Feten schädigen kann.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kein Schlußstrich bei der Amalgam-Debatte

STICHWORT

Amalgam

Amalgam wird seit etwa 150 Jahren von Zahnärzten für Füllungen verwendet und besteht zu etwa 50 Prozent aus Quecksilber. Die Legierung ist leicht zu verarbeiten und ist nach dem Härten extrem widerstandsfähig. Aus dem Material entweichen jedoch stets geringe Mengen Quecksilberdampf. Quecksilber gelangt durch die Blut-Hirnschranke und schädigt in hoher Konzentration Gehirn und Nieren. (mut)

 

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