Ärzte Zeitung, 07.06.2005

Wenn Sänger mit dem kleinen Becken atmen

Sänger gehen oft rabiat mit ihrer Stimme um / Unausgebildete setzen oft zu viele und die falschen Muskeln ein

Zum schönen Ton gehört mehr als das richtige Funktionieren der Stimmlippen. Profis wie die Sänger des Leipziger Thomanerchors üben viel mit dem Luftstrom. Foto: dpa

Von Christian Beneker

"Am besten, man hält die Klappe. Viele Erkrankungen am Stimmapparat kuriert man idealerweise mit Schonung der Stimmlippen", meint Martin Ptok, Chef der von der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Doch nicht jede Erkrankung von Sprache und Stimme läßt sich heilen durch therapeutische Schweigsamkeit.

 
"Singen muß vor allem locker und ohne Druck der beteiligten Muskulatur vor sich gehen"
Peter Gramann und Martin Ptok
Medizinische Hochschule Hannover
   

Ausgerechnet Sänger traktieren ihre Stimme gerne besonders rabiat. Vom genialen Caruso heißt es, er habe die hohe Lage seines Tenors trainiert, indem er beim Singen die Stirn gegen eine Wand preßte. Nichts für Freunde des Belcanto, des Gesangsstils der eine entspannte, ausgewogene Stimmführung anstrebt. "Singen muß vor allem locker und ohne Druck der beteiligten Muskulatur vor sich gehen", sagt MHH-Stimmtherapeut Peter Gramann.

"Profisänger wissen das und erkennen schnell, was mit ihrer Stimme los ist, wenn ihr etwas fehlt. Aber Hobby-Musiker nicht." Oft genug sei deren Stimme fest, behaucht und ohne Volumen. "Sänger ohne Ausbildung setzen zu viele und die falschen Muskeln ein", sagt Gramann.

"Um zum Beispiel besonders rockig zu klingen, geben sie viel Luft und Kraft auf die Stimme. Das schadet ihr." In der Tat: Berüchtigt ist vor allem in Chören untrainierter Sänger der "Fön", jene Luft, der beim Singen nicht in Töne umgesetzt wird und störend rauscht. Das stört nicht nur die Zuhörer, es ist auch ungesund.

Das Zentralorgan des Singens habe man sich früher etwa vorgestellt, wie das Doppelblatt einer Oboe. Tatsächlich ist die Funktion der Stimmlippen weit komplexer. Sie zerteilen den Luftstrom in Millionen kleinster Portionen und erzeugen so den Ton, und zwar in einer raschen Folge von Überdruck, der die Lippen öffnet, und Unterdruck, der sie wieder schließt. Wenn etwa der Kammerton A von 440 Hertz gesungen wird, geschieht dieser Vorgang genau 440mal pro Sekunde.

"Aber die Lippen vibrieren nicht einfach", sagt Ptok, "sondern sie öffnen und schließen sich in einer schnellen, dreidimensionalen Wellenbewegung." Stimmbandknötchen (Ptok: "Hornhaut auf den Stimmlippen"), Heiserkeit oder gar Lähmung der Lippen können diesen komplexen Vorgang völlig außer Funktion setzen.

Laiensänger (hier ein Schüler-Chor) geben oft viel Luft und Kraft in die Stimme, damit sie rockig klingt. Doch das schadet der Stimme. Foto: dpa

Wie der Ton schließlich klingt, ist jedoch von weit mehr abhängig, als von der Arbeit der Stimmlippen. Sie erzeugen lediglich die "akustische Rohmasse", so Ptok. Der gute Ton aber beginnt mit der Erzeugung des Luftstroms durch Lunge und Zwerchfell und endet mit seiner fachgerechten Formung durch Rachen, Mundraum, Zunge und Lippen.

Sänger haben also viele Gelegenheiten, etwas falsch zu machen: Verkrampfung der Kaumuskeln beim Singen, die Versteifung des Zungengrundes, das Hochpressen des Kehlkopfes, zu harter Ansatz, Ausfransen - "Nachdieseln" - des Tons und so weiter.

Abhilfe bringen entsprechende Übungen, "und zwar nur richtige", sagt Gramann. Die Kunst der "Stütze" etwa, jenes steten Luftstromes zum Singen, wollte man früher trainieren, "indem man den Sänger auf den Boden legte und ihm beim Singen einen Eimer Wasser auf den Bauch stellte."

Sinn der Übung: Während des Ausatmens sollte der Sänger die Körperposition des Einatmens beibehalten. "Im Prinzip eine gute Absicht", sagt Gramann, "aber völlig verkrampfend." Ein langgezogen gesprochenes "F" tut’s auch, und besser. Und gegen den flachen Ton helfe es, den Kehlkopf sacken zu lassen. Automatisch vergrößert sich der Resonanzraum, und der Ton klingt voller.

Dies zeigt: Das trockne Studium der Tonerzeugung hilft kaum, um schön zu singen. Sänger greifen daher zu - manchmal befremdlichen - Bildern und Übungen, um ihren Gesang zu befreien und zu runden: den Ton wie einen Wassertropfen auf den Lippen bewegen; ihn von oben führen wie ein Marionette; ihn wie einen Faden aus der Schädeldecke ziehen.

Sie imitieren zur Übung der tiefen Töne den Sound eines verstopften Abflußrohrs und gehen bei hohen Tönen sacht in die Knie. Sie fordern beim Singen ein "inneres Lächeln" oder gar, mit dem kleinen Becken zu atmen.

Nichts für den Mediziner Ptok: "Mit dem Becken atmen? Da lacht der Anatom. Aber auch, wenn ich im Becken bis heute kein Atemorgan gefunden habe - Hauptsache, die Stimme bleibt gesund."

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