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Ärzte Zeitung, 03.03.2004

"Man muß die Leute nur mit Duft übersättigen"

Wie Riechforscher mit Gerüchen den Heißhunger bekämpfen / Wissenschaftler blockieren Riechrezeptoren

Eine Studentin einer Parfümeur-Schule in der provencalischen Stadt Grasse bei der "Nasenarbeit". Foto: dpa

Allein mit dem Geruch von Speisen das Übergewicht bekämpfen - das haben Forscher schon getestet. "Man muß die Leute nur mit Duft übersättigen", dachte US-Forscherin Susan Schiffmann und hat ihren Probanden vorm Fernseher kalorienfreie Schoko-, Erdnuß- und Pommes-Sprays in den Mund gesprüht.

Funktioniert hat der Versuch, den Appetit auf die Kalorienbomben einzudämmen, nur bedingt. Geruch und Geschmack allein hatten die Naschkatzen auf Dauer nicht befriedigt. "Zu den Chips gehört wohl auch das Knacken und das Fett auf der Zunge", sagt "Riech"-Forscher Professor Hanns Hatt, Zellphysiologe an der Ruhruniversität Bochum. Ein Schweizer Lebensmittelkonzern will als Folge jetzt den komplexen Eßeindruck untersuchen.

Die Wissenschaft der Düfte hat weitere Phänomene ans Tageslicht gebracht, die sich zweckmäßig ausnutzen lassen oder zumindest der Grundlagenforschung dienen. So lösen schmackhafte Düfte leicht einen alt bekannten Reflex aus: Das Wasser läuft im Munde zusammen. Das währt jedoch nicht lang: "Innerhalb von zwei bis vier Minuten adaptiert der Geruchssinn auf den Duft so stark, daß man ihn kaum noch wahrnimmt", sagt Hatt.

So kommt ein bekanntes Phänomen zur Geltung: "Wenn ich am Herd stehe, habe ich keinen Hunger mehr." Der Heißhunger kann also durch Überreizung gedämpft werden. Dies geht soweit, daß nach dem ersten Geruchseindruck die Nebengerüche durchdringen. "Da kann man nach kurzer Zeit neben der Currywurst auch Fettgeruch wahrnehmen." Frisch gebackenes Brot wird dagegen von den meisten Menschen insgesamt als sehr angenehm empfunden. So könne man mit den Kleinbacköfen im Supermarkt sogar über den Duft zusätzlich Menschen anlocken.

Gelingt es bei Übergewichtigen, die bei bestimmten Gerüchen Heißhunger entwickeln, Riechrezeptoren zu blockieren - und das ist möglich - kann man ihnen zu großen Appetit nehmen.

Hanns Hatt ist es erstmals gelungen, einen Rezeptor auf den Riechzellen zu klonen und zu identifizieren (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Die menschlichen Riechzellen können mehr als 10 000 Düfte unterscheiden. Jede der fast 20 Millionen Riechzellen in der Nasenschleimhaut stellt nur einen von fast 350 verschiedenen Rezeptortypen her.

«Maiglöckchenduft bringt Spermien
auf Trab»
       
   

Sechs Riechrezeptoren konnte Hatt einen speziellen Duft zuordnen, unter anderem Maiglöckchenduft, Früchteduft oder Meeresbrise. Mit dem wohl spektakulärsten Ergebnis seiner Forschung brachten es Hatt und Kollegen aus Los Angeles vor knapp einem Jahr bis ins renommierte US-amerikanische Fachjournal "Science": "Maiglöckchenduft bringt Spermien auf Trab", lautete damals das Ergebnis.

Der Lockstoff mit dem Fachbegriff Bourgeonal, der in der Waschmittelindustrie als Duft eingesetzt wird, weist im Labor den Samenzellen die Richtung und sorgt für eine Verdoppelung der Geschwindigkeit. Die Forscher gehen nun davon aus, daß auch die Eizelle oder das Umgebungsgewebe eine ähnliche Substanz aussenden, um die Spermien anzulocken.

Im Umkehrprozeß läßt sich der Riechrezeptor der Samenzelle mit dem Stoff Undecanal blockieren, was in diesem Fall einem Verhütungsmittel gleichkommt. "Damit ist der Samenzelle die Nase zugehalten, und sie kann sich nicht orientieren", sagt Hatt. Das gleiche Ergebnis erhält man auch, wenn man in der Nase den entsprechenden Rezeptor blockiert. Dann kann man den Maiglöckchenduft nicht mehr riechen.

Am liebsten hätte es der Zellphysiologe, wenn die Politiker Riechstunden in der Schule einführen würden. "Wenn wir den Geruchssinn in jungen Jahren trainieren, könnten wir uns eine neue Duftwelt erschließen, die uns sonst für immer verborgen bleibt." (dpa)

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