Ärzte Zeitung, 05.07.2004

Dicke Kinder sind Alltag in Kinderarztpraxen

Seit 1982 ist der Anteil von 7,5 auf 12, 5 Prozent gestiegen / Dicke Kinder kommen oft aus sozial schwachen Familien

BERLIN (ddp). Um die Eßgewohnheiten vieler Deutschen muß es schlecht bestellt sein. Verbraucherschutzministerin Renate Künast veröffentlichte jüngst beunruhigende Zahlen, wonach 10 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen übergewichtig sind, acht Prozent gelten sogar als fettleibig.

Computer oder Fernseher halten Kinder häufig davon ab, raus zu gehen und im freien zu Spielen. Foto: dpa

Die Folgekosten für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten beziffert das Ministerium auf jährlich 71 Milliarden Euro, eine bundesweite Plattform "Ernährung und Bewegung" wurde gegründet.

Und das Künast-Ministerium übt Kritik am Verbraucher: "...in der Mehrzahl von Konsumsituationen handelt der Konsument unmotiviert, spontan oder nachlässig", heißt es im aktuellen Konzeptpapier des wissenschaftlichen Beirates "Verbraucher- und Ernährungspolitik" unter Punkt 21 zum Thema Konsumentenforschung.

Wolfgang Meyerhof, Abteilungsleiter für molekulare Genetik beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung, sieht Handlungsbedarf: "Die Adipositas-Epidemie belastet in ungeheurem Maße unsere Gesundheitssysteme. Es muß ein großes politisches und volkswirtschaftliches Interesse bestehen, dieses Problem anzugehen - und zwar im Kindesalter", sagt er auf Anfrage.

Übergewichtige Kinder pflegen ihre Zähne häufig schlecht

Daß übergewichtige Kinder häufig auch ihre Zähne schlecht pflegen, erklärt der wissenschaftliche Leiter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Professor Helmut Heseker: "Ein wesentlicher Grund hierfür ist auch mangelnde Kenntnis und fehlendes Interesse", betont Heseker und verweist auf einschlägige Studien: "Eine Statistik zeigt, daß 11- bis 15jährige Mädchen aus sozial schwachen Familien dreimal so oft übergewichtig sind, wie aus wohlhabenden Familien.

Bei den 11- bis 15jährigen Jungen seien es gut doppelt so viele. Heseker: "Diese Kinder haben oft ungünstige Wohnsituationen ohne Spielplätze, bleiben öfter Zuhause und sitzen mehr vor dem Computer oder Fernseher." Heseker bestätigt, daß seit mehr als 20 Jahren die Zahl übergewichtiger Kinder langsam, aber stetig nach oben geht.

Einschulungsuntersuchungen belegten dies: "Seit 1982 ist deren Zahl von 7,5 Prozent auf 12,5 Prozent gestiegen." Und viele dieser Kinder hätten nicht nur ästhetisch sondern gesundheitliche Probleme. "Jeweils 35 Prozent haben entweder mit Bluthochdruck, frühen Gichtsymptomen oder erhöhten Bluttfettwerten zu kämpfen", sagt Heseker.

Bei weiteren 35 Prozent machten sich bereits orthopädische Folgestörungen bemerkbar. Heseker verweist auf andere Länder, in denen es bereits "moderaten Druck" gebe, um die Ernährungsgewohnheiten zu beeinflussen: "In New York sollen beispielsweise die Getränkeautomaten für Cola und andere, stark zuckerhaltige Limonaden aus den Schulen verbannt werden."

Dr. Bernd Simon, Vorstandsmitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, fordert eine differenzierte Betrachtung: "Auch dicke Kinder können sehr sportlich sein." Dennoch stelle sich die Frage, "ob wir es hinnehmen sollen, daß Kinder - weltweit übrigens - dicker werden". Simon gibt zu bedenken: "Es ist inzwischen Alltag in jeder Kinderarztpraxis, daß jedes dritte dort behandelte Kind überernährt ist. Das Risiko, daß diese Kinder vor ihren Eltern sterben, ist nicht von der Hand zu weisen", sagt der niedergelassene Kinderarzt.

Appell an die Verantwortung für die Ernährung in der Familie

Bei der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen appelliert man an die Verantwortung in den Familien. Man könne zudem "nicht die Lebensmittelindustrie für Fehlernährung allein verantwortlich machen", sagt Mitarbeiterin Susanne Sonntag. Die Eltern seien hier vor allem gefragt, auf ihre Kinder einzuwirken.

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