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Ärzte Zeitung, 24.08.2004

HINTERGRUND

Der Streit um die Fett-weg-Spritze: Viel Gezeter, noch wenige Fakten und fragwürdige Selbstversuche

Von Swanett Koops

Um es gleich vorweg zu nehmen: Zugelassen ist die Fett-weg-Spritze zur Auflösung störender Fettdepots im Gesicht oder an Bauch und Beinen nicht. Doch das scheint die Anwender nicht zu stören, Off-lable-use ist ja nun nichts Neues - wird doch mit dieser Spritze ein heißersehnter und (bisher) unerfüllter Menschheitstraum war: Statt sich mit Diäten und Sport zu quälen, werden das Fett einfach weggespritzt. Möglich soll dies mit Lipostabil® sein, das aus der Sojabohne gewonnenes Phosphatidylcholin enthält und zur i.v.-Therapie bei Fettembolien zugelassen ist.

Doch das Präparat kann mehr, dachte sich 1995 die brasilianische Ärztin Dr. Patricia Rittes: Der intravenöse Fettlöser könnte doch auch unter der Haut wirken, nämlich dort, wo Fett viel häufiger stört als in Arterie oder Vene.

Das Netzwerk Lipolyse will das Thema wissenschaftlich angehen

Inzwischen erfreut sich die Fett-weg-Spritze nicht nur in Brasilien, sondern weltweit großer Beliebtheit. In Europa schart besonders der österreichische Medizinalrat Dr. Franz Hasengschwandtner, Arzt für Allgemeinmedizin, Kneipparzt und diplomierter Ernährungsmediziner, lauter aktiv fettlösende Kollegen um sich, die sich im Netzwerk Lipolyse (www.netzwerk-lipolyse.de) zusammengeschlossen haben.

Das Netzwerk will nach eigenen Angaben die Injektionslipolyse wissenschaftlich nüchtern angehen. Dort hat Hasen-gschwandtner auch den Lipolyse-Report 03 veröffentlicht, in dem er die Behandlung von 187 Patienten dokumentiert hat. Sein Urteil: "Bestätigen kann ich auf alle Fälle die Wirksamkeit der Methode."

Doch genau das ist einer der Haupt-Kritikpunkte: Weder Wirksamkeit noch Verträglichkeit der Fett-weg-Spritze sind wissenschaftlich ausreichend belegt. "So lange keine standardisierten Studien mit Monitoring gelaufen sind, kann man die Therapie nach heutigem Standard nicht verantworten", so Dr. Gerhard Sattler, Chefarzt der Rosenparkklinik in Darmstadt. "Es ist vollkommen unklar, was nach der Injektion unter der Haut passiert!", kritisiert auch Privatdozent Dr. Klaus Exner, Präsident der Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen (VDPC) und Chefarzt der Plastischen Chirurgie am Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main.

Zwar würde bei der Anwendung - eine Spritze koste etwa 300 Euro - tatsächlich etwas Fettgewebe verschwinden, und die Haut werde fester. Aber zunächst müßten Tierstudien her, um die Unschädlichkeit der Spritze zu belegen. Zudem zweifelt der plastische Chirurg an der nötigen Effektivität: "Am Bauch und am Oberschenkel ist das doch sowieso Käse, da geht doch kaum etwas weg."

Da lassen die Ergebnisse einer Studie von Professor Johannes Huber von der Unifrauenklinik Wien und Professor Sylvia Kirchengast, Anthropologin an der Uni Wien, jedoch anderes vermuten: In der nach Hubers Angaben ersten Studie, bei der die Wirkung der Spritze wissenschaftlich - nämlich die Abnahme des Körperfetts mit der DXA-(Dual-X-Ray-Absorptiometry)-Messung - geprüft wurde, konnte bei über 70 Prozent der behandelten 60 Frauen eine Reduktion des Körperfettanteils in der behandelten Region von einem oder mehr Prozentpunkten gemessen werden. Bei manchen sank der Fettanteil um über acht Prozent. Und auch Sattler, der schon einzelne kleinere Behandlungen vorgenommen hat - "sonst könnte ich mich ja gar nicht äußern" - kann positive Ergebnisse verbuchen.

Doch wer schön sein will, mußte auch in der Wiener Studie etwas leiden. Nach Angaben von Kirchengast gab es Hautrötungen, blaue Flecke und einen leichten Druckschmerz. Die Symptome klangen aber bei fast allen Frauen nach zwei Tagen wieder ab. Ganz so glimpflich scheint es jedoch nicht immer abzulaufen, was natürlich auch durch eine unsachgemäße Anwendung bedingt sein kann.

So sagt Sattler, es gebe Berichte von Hautnekrosen, wenn das Mittel zu dicht unter die Haut gespritzt wird. Und die Ärztin Dr. Mitra Hegge mußte nach einem Selbstversuch ihre Praxis für eine Woche schließen, da sie nach der Injektion in ihre Tränensäcke - mit dieser Indikation hat Rittes ihre ersten Spritzversuche gemacht - durch geschwollene Unterlider stark entstellt war (Der Deutsche Dermatologe 4, 2004, 278).

Kritik an der Spritze kommt vor allem von plastischen Chirurgen

In so empfindlichen Regionen wie dem Gesicht würde er das Präparat auch nicht anwenden, meint Huber zu diesem unerfreulichen Resultat. Er vermutet, daß die harsche Kritik, die vor allem von den plastischen Chirurgen erschallt, von der Angst vor schwindender Liposuktionskundschaft herrührt.

Streit hin oder her - die Fett-weg-Spritze scheint zu boomen. Zum einen bekennt sich schon einige Kollegen auch in Deutschland zur Fett-weg-Spritze: Allein die Ärzteliste des Netzwerk-Lipolyse enthält schon über 50 Namen. Doch auch vor den heimischen Badezimmerspiegeln wird das Phosphatidylcholin ohne Mitwirken von Ärzten und scheinbar völlig sorglos ins Fett gejagt. Zitat aus einem Internetforum: "Hallo Mädels, wer möchte günstig ein Päckchen Lipostabil® 5x5 ml, inclusive Spritzen und Kanülen erwerben? Habe im Kaufrausch zu viel gekauft und jetzt ein Päckchen übrig. Bitte melden! Mein Selbstversuch ist gut gelungen und das Ergebnis o.k.. Liebe Grüße, Gerhild." Und eine andere Interessentin möchte wissen: "Wieviel spritzt man sich je Anwendung und Körperstellen? Nur damit ich weiß, wieviel zu bestellen ist."

Pharmafirma distanziert sich von kosmetischer Anwendung

Wie es mit der Fett-weg-Spritze weiter geht, bleibt spannend. Das zuständige Pharma-Unternehmen Casella-med distanziert sich nach Angaben von Mitarbeiter Dr. Christian Nauert jedenfalls von der Anwendung auf dem kosmetischen Gebiet: In der Produktinformation wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Phosphatidylcholin nicht subkutan angewendet werden darf. Doch Sattler sieht bei aller Kritik ein Happy-End für die Fett-weg-Spritze: "Lipostabil® wird ganz groß werden. Das wird eine Nummer werden wie das Botox®."

FAZIT

Seit eine brasilianische Ärztin 1995 erstmals das zur Auflösung von Fett-embolien zugelassene Phosphatidylcholin zur Beseitigung von Tränensäcken benutzt hat, ist eine heftige Diskussion um die Fett-weg-Spritze entbrannt. Kritiker bemängeln, daß weder Wirkung noch Verträglichkeit nachgewiesen sind, Befürworter sehen in der Spritze eine wirkungsvolle und kostengünstige Option zur Beseitigung störender Fettpölsterchen. Die Anwender - meist Frauen - besorgen sich das Mittel auch über das Internet und injizieren es sich selbst.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Fett-weg-Streit hinkt der Realität hinterher

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