Ärzte Zeitung, 25.04.2005

HINTERGRUND

Die zentrale Adipositas steht im Mittelpunkt der neuen Definition des metabolischen Syndroms

Von Helga Brettschneider

Ist nicht nur häßlich, sondern auch mit kardiovaskulärem Risiko verknüpft: der dicke Bauch. Foto: PhotoDisk

Die Internationale Diabetes-Föderation (IDF) hat bei einem Kongreß in Berlin eine neue Definition des metabolischen Syndroms vorgestellt. Erstmals wird bei dieser Definition die zentrale Adipositas in den Mittelpunkt gerückt. Zudem werden populationsspezifische Besonderheiten berücksichtigt. Das neue Konzept ermöglicht im Praxisalltag eine rasche Diagnose bei geringem Meßaufwand.

Die neue Definition ist das Ergebnis internationaler Zusammenarbeit: 21 Spezialisten von allen Kontinenten und mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten - von Genetik über Ernährungsmedizin bis zu Kardiologie und Diabetologie - beteiligten sich daran.

Die bisher verwendeten Beschreibungen des metabolischen Syndroms differierten. Mindestens sieben Definitionen gibt es weltweit. "Wir brauchten eine neue, gemeinsame Definition, die klinisch relevant ist", betonte Professor Paul Zimmet aus Melbourne in Australien. Denn die Vielzahl verwirrte einerseits, andererseits waren die Definitionen im Praxisalltag oft nur begrenzt einsetzbar - zu den WHO-Kriterien zum Beispiel gehört das Messen der Insulinresistenz.

Rasche Diagnose bei geringem Aufwand war das Ziel

Die IDF-Definition konzentriert sich auf fünf Punkte und erlaubt eine schnelle Diagnose mit vertretbarem Aufwand. Kennzeichen ist, daß dabei ein Faktor im Mittelpunkt steht: die zentrale Adipositas. Ihr Vorliegen ist für die Definition zwingend erforderlich, betonte Zimmet beim ersten internationalen Kongreß zu "Prädiabetes und Metabolischem Syndrom" in Berlin. Denn diese Form der Fettverteilung wird als eine der wichtigsten Ursachen des Syndroms eingestuft. Gemessen wird dazu der Taillenumfang - und zwar genau in der Mitte zwischen Beckenkamm und Rippenbogen.

Erstmals berücksichtigt wurde dabei, daß die Bedeutung des gemessenen Umfangs je nach ethnischer Herkunft variiert. So kann bei einem relativ schlanken Inder bereits eine abdominelle Adipositas vorliegen, wenn ein Mitteleuropäer mit dem gleichen Körpermassen-Index (BMI) noch keinerlei Zeichen davon hat. Die Grenze zur zentralen Adipositas überschritten haben zum Beispiel Männer mit europäischem Hintergrund bei einem Taillenumfang von 94 Zentimetern, die Frauen bei 80 Zentimetern. Südasiaten und Chinesen dagegen zählen schon bei 90 (Männer) und 80 Zentimetern (Frauen) dazu, japanische Männer ab 80 und ihre Frauen ab 90 Zentimetern.

Die Anpassung an solche Unterschiede macht die neue Definition des metabolischen Syndroms weltweit anwendbar. In Arztpraxen mit multikulturellem Publikum wie in Deutschland werden alle diese Werte gebraucht. Vorübergehend werden allerdings wegen Mangels an Daten für den mittleren Osten und für Afrika südlich der Sahara die europäischen Grenzwerte angesetzt. Für Menschen mit süd- und zentralamerikanischem Ursprung gelten die Zahlen von Südasien.

Zusätzlich zur abdominellen Adipositas müssen lediglich zwei von vier weiteren Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Triglyceride über 150 mg/dl
  • HDL-Cholesterin unter 50 mg/dl bei Frauen, unter 40 mg/dl bei Männern
  • Hypertonie, mindestens 130 mmHg systolisch oder 85 mmHg diastolisch
  • Nüchternplasmaglukose von mindestens 100 mg/dl oder Typ-2-Diabetes.

Metabolisches Syndrom bedeutet hohes KHK-Risiko

Da Patienten mit metabolischem Syndrom ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Symptome und einen Diabetes mellitus haben, könnte die frühzeitige Diagnose und Therapie diese Gefahr verringern. Dabei sollte zuerst eine Lebensstiländerung mit gesunder Ernährung und mehr Bewegung versucht werden, so Zimmet.

Lesen Sie dazu auch:
Ab 94 cm Taillenumfang steigt das Diabetes-Risiko rasant

FAZIT

Die Internationale Diabetes-Föderation hat eine neue Definition des metabolischen Syndroms vorgestellt. Ein zentrales Kriterium ist der Taillenumfang. Für Europa gelten als Grenzwerte bei Männern 94 Zentimeter und bei Frauen 80 Zentimeter. Für Menschen aus anderen Gegenden der Welt gelten andere, oft niedrigere Werte. Zur abdominellen Adipositas müssen zwei von vier Kriterien hinzukommen: hohe Triglyceride, ein niedriges HDL, zu hoher Blutdruck und ein zu hoher Nüchternglukosewert.

 

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