Ärzte Zeitung, 30.05.2005

Dick oder dünn - den Weg bahnen wohl die Gene

Pharmakologin: "Die Nahrung wird je nach genetischer Ausstattung unterschiedlich verwertet"

HAMBURG (dpa). Bei einem läßt schon ein Stück Kuchen zum Kaffee die Fettpölsterchen schwellen. Der andere kann zwei Stück Sahnetorte essen, ohne zuzunehmen. Diese Vermutung meist gut beleibter Menschen ist nicht ganz verkehrt. Gene scheinen zumindest mehr Einfluß auf das Gewicht eines Menschen zu haben als sein Umfeld und seine Erziehung.

Bei entsprechender genetischer Disposition sind schnelle Snacks zwischendurch nicht gut für Bauch und Herz. Foto: dpa

Die Bedeutung der Erbanlagen hatte der US-Psychiater Albert Stunkard schon in den 1980er Jahren in einer wegweisenden Studie entdeckt, als er das Gewicht von über 500 adoptierten Kindern untersuchte. Es glich dem ihrer biologischen Eltern viel stärker als dem ihrer Erzieher.

Gene sind für viel Bewegung und Notzeiten ausgelegt

Klar ist, daß unsere Gene für Menschen ausgelegt sind, die sich viel bewegen und Notzeiten erleiden müssen. Bei einem Bürojob und allzeit griffbereiter Nahrung führt ein Fettspeicherprogramm im Körpers daher oft zu Übergewicht. Die in der Evolution gebildeten Programme haben einen beachtlichen Einfluß auf das Gewicht, erinnert der Ernährungspsychologe Professor Volker Pudel von der Universität Göttingen. "Und die kann ein Mensch - in Grenzen - selbst gestalten."

Warum aber gibt es schlanke Büromenschen, die weder Sport treiben noch Diäten benötigen? Auch dies liegt zumindest zum Teil im Erbgut. "Die Nahrung wird je nach genetischer Ausstattung unterschiedlich verwertet", sagt Professor Annette Schürmann, Pharmakologin beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DIfE).

Erste Zusammenhänge sind schon entdeckt: Einige Dicke haben eine veränderte Andockstelle für Sättigungshormone. Menschen mit diesem gestörten Melanocortin-4-Rezeptor etwa können das körpereigene Signal für Sättigung nicht oder kaum noch empfangen, essen daher mehr und werden daher dicker. Bei anderen - allerdings sehr wenigen Menschen - ist das Gen für das Sättigungshormon Leptin gestört.

Ein Chromosom wird für eine Untersuchung mit einem Nanomesser zerschnitten. Foto: Heckl

Das von Fettzellen produzierte Leptin habe bei Übergewichtigen eine große Bedeutung, sagt Schürmann. Je mehr Fettzellen ein Mensch habe, desto mehr Leptin produziere er. Der Körper reagiere jedoch nicht ausreichend auf diese übermäßige Hormonausschüttung, da er gegen das Hormon resistent geworden sei. "Das Hormon bindet zum Beispiel schlechter an den Rezeptor, oder das Signal wird nur abgeschwächt weitergeleitet." So kann es den Essensdrang nicht mehr stoppen.

"Die einfachste Methode ist, früh genug das Gewicht zu kontrollieren und die Essensgewohnheiten umzustellen, bevor die Waage 20 Kilo zu viel anzeigt", meint Schürmann. Je stärker das Gleichgewicht der verschiedenen Botenstoffe aus den Fugen geraten sei, um so schwerer sei es, dieses wieder herzustellen.

Auch der Geschmack wird durch Gene beeinflußt

Doch werden nicht nur die Nahrungsverwertung und die Lust aufs Essen von den Genen beeinflußt, sondern auch der Geschmack. Menschen mit einer bestimmten Genvariante haben eine Abneigung gegen Kohl und Spinat. Sie können deren Bitterstoffe besonders gut wahrnehmen, hat Professor Wolfgang Meyerhof vom DIfE herausgefunden. Wer die Bitterstoffe nicht wahrnimmt, tendiert zu erhöhtem Fettkonsum.

In einigen Jahrzehnten sei es gut möglich, daß Ärzte spezifische Ernährungsratschläge geben, wenn das genetische Profil bekannt ist.

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