Ärzte Zeitung, 27.05.2005

Das Hirn zählt Kalorien, der Körper holt sich, was er will

Über die Hälfte der Bundesbürger sind übergewichtig / Eine Ernährungsumstellung allein bringt nur selten Erfolg

Von Petra Kaminsky

Anfangs waren es nur ein paar Kilo zu viel. Doch seit vier, fünf Jahren geht der 38jährige Bauingenieur massiv in die Breite. Streß im Büro, unregelmäßiges Essen, seine Vorliebe für Fleisch, Cola und Fast Food fordern ihren Tribut. 120 Kilo bringt er auf die Waage, bei einer Größe von 1,92 Metern. Damit gehört er zu den XXL-Dicken: 13 Prozent der erwachsenen Deutschen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stark übergewichtig - Tendenz steigend. Appelle der Krankenkassen oder von Verbraucherministerin Renate Künast, sich gesünder zu ernähren, rauschen an dem Familienvater vorbei. "Das ist Veranlagung", kommentiert er seine Wohlstandspolster.

Eine dicke Frau zwischen zwei schlanken Freundinnen: In Deutschland bringt jede zweite Frau zu viel auf die Waage. Foto: dpa

"Eßverhalten ist emotional gelenkt, nicht rational", sagt der Ernährungspsychologe Professor Volker Pudel von der Universität Göttingen. Er bestätigt, was viele Übergewichtige nach mehreren gescheiterten Diäten ahnen: Das Wissen im Kopf und Kalorien-Zählen sind das eine; was der Körper will, das andere. Pudel: "Die Ernährungsaufklärung hat nicht erreicht, daß Menschen anders essen, aber sie essen oft das, was sie essen, mit schlechtem Gewissen."

US-Amerikaner gelten als dickstes Volk der Welt

Experten schlagen Alarm: In den Industriestaaten ist Adipositas zum gravierenden Problem geworden, Schwellenländer wie Brasilien ziehen nach. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor einer globalen Epidemie; sie beschloß 2004 einen Aktionsplan gegen zu viel Fett und Zucker im Essen. Die US-Amerikaner gelten dabei als dickstes Volk der Welt, ein Drittel der Bürger ist adipös, ein weiteres Drittel übergewichtig, wie das US-Forschungsinstitut RTI herausfand.

In Deutschland könnte der Zug in die gleiche Richtung gehen: Gemessen am Body-Mass-Index sind bereits gut die Hälfte der Frauen und 65 Prozent der Männer mehr oder weniger zu dick. 71 Milliarden Euro werden für die Folgen ernährungsbedingter Krankheiten jährlich ausgegeben.

Besonders alarmierend ist nach Einschätzung von Ministerin Künast das zunehmende Gewicht der Kinder, die ihre Zeit vor dem Computer statt mit Bewegung draußen verbringen. Die junge Generation werde die erste sein, deren Lebenserwartung unter die ihrer Eltern sinke, zitierte sie wiederholt eine britische Studie.

Der Hamburger 120-Kilo-Vater wurde unlängst bei der Ehre gepackt, als der fünfjährige Sohn ihm beim Abendbrot sagte: "Papa, du bist ein Vielfraß." Doch bei der Suche nach einer Diät wich die Energie schnell dem Gefühl der Überforderung: Da stehen die "WeightWatcher"- oder "Brigitte"-Diät sowie das "Ich nehme ab"-Programm der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die eine ausgewogene Kost propagieren, neben vielen Mode-Diäten wie beispielsweise die "Atkins"- oder die "Glyx"-Diät.

Zeitschriften versprechen "Ernährungsrevolutionen" mit "Super Food" - Lebensmitteln, die uns länger und gesünder leben lassen: Brokkoli gegen Krebs, Nüsse für ein starkes Herz. Fakt ist, daß die Forscher immer Neues herausfinden über Zusammenhänge zwischen Nahrung und Gesundheit. Und nicht wenige Verbraucher fühlen sich von der Masse der Ergebnisse und im Diät-Dickicht verunsichert.

Unsinnige Regeln und Halbweisheiten

"Die Geschichte der Ernährung ist eine unablässige Abfolge von Regeln, die sich als unsinnig erweisen; von Lehrsätzen, die korrigiert werden; von Halbweisheiten", faßte das Hamburger Magazin "Geo" zusammen. Lange hieß es zum Beispiel, Fisch sei gut fürs Herz. Jetzt schränken US-Forscher das auf solche Tiere mit hohem Fettgehalt wie Lachs oder Thunfisch ein - wegen des hohen Anteils von Omega-3-Fettsäuren seien sie gesünder als magere Fische.

Auch wenn es um die Ursache der Volkskrankheit Übergewicht geht, gibt die Wissenschaft keine einfache Antwort. Es kommt ein Bündel von Faktoren zusammen: die Veranlagung des Einzelnen, der Lebensstil, der Einkauf, der mit 240 000 Lebensmitteln einer permanenten Verlockung gleicht, und das soziale Milieu. Die grundlegende Ursache jedoch ist die Evolution, die den Menschen ein Fettspeicherprogramm in die Gene geschrieben hat. So konnte die Menschheit trotz Hungerperioden überleben. "Erst seit 50 Jahren wirkt dieses genetische Programm pathogen, weil die Notzeiten ausbleiben", sagt Ernährungspsychologe Pudel.

Doch Abnehmen ist nicht alles. Professor Steven Blair vom Cooper Institute (Dallas) fand in einer US-Langzeitstudie heraus, daß Fitneß am meisten für ein langes Leben bringt: "In jeder Gewichtskategorie sind es die Nicht-Fitten, die vorzeitig sterben. Dabei sind die dünnen Untrainierten sogar noch stärker gefährdet als die fitten Dicken."

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