Ärzte Zeitung, 13.03.2007

HINTERGRUND

"Schlafen Sie lange!" - für Patienten mit Übergewicht ein lohnender Rat, der ihnen beim Abspecken hilft

Von Angela Speth

Zu viel Pommes und Eis, zu langes Sitzen ohne Sport - auf diesen Verhaltensweisen liegt das Schwergewicht bei der Erklärung, wieso die Häufigkeit der Adipositas in den vergangenen Jahrzehnten so massiv zugenommen hat. Nun haben US-amerikanische Wissenschaftler Hinweise gefunden, dass eine weitere, bisher nur vermutete Ursache zumindest ein gewisses Scherflein zur Leibesfülle beiträgt: Schlafmangel. Von diesem Ergebnis erhoffen sie sich neue Impulse für Prävention und Behandlung.

Lange und gut zu schlafen ist heute fast schon ein Privileg. Mit hellem Licht, Arbeit Fernsehen und Internet machen viele Menschen die Nacht zum Tage. Foto:imago

Innerhalb von knapp 30 Jahren - von 1980 bis heute - hat sich in den westlichen Ländern der Anteil der adipösen Menschen mehr als verdoppelt: von 15 auf über 30 Prozent. Parallel dazu machen immer mehr Menschen die Nacht zum Tage: So schliefen die US-Bürger 1960 durchschnittlich noch 8,5 Stunden pro Nacht, im Jahr 2000 aber weniger als sieben Stunden - abgehalten offenbar durch helle Beleuchtung, verschobene Arbeitszeiten und Unterhaltung wie Fernsehen und Internet. Für Deutschland wird Ähnliches angenommen.

Kurzer Schlaf hätte auch Folge von Übergewicht sein können

Studien mit Erwachsenen legten einen Einfluss der Schlafdauer auf das Gewicht zwar nahe, solide war der Beweisgrund aber nicht. So war unklar, was Ursache, was Folge ist. Zum Beispiel käme ja in Betracht, dass Menschen sich erst Pfunde anfuttern und dann wegen Folge-Krankheiten wie Apnoe oder Arthritis schlecht und nur kurz schlafen.

Um den Zusammenhang eindeutiger zu klären, haben Dr. Sanjay R. Patel aus Cleveland im US-Bundesstaat Ohio und seine Kollegen Daten der Nurses’ Health Study ausgewertet (Am J Epidemiol 164, 2006, 947). Für diese Studie füllten knapp 70 000 Frauen mittleren Alters über einem Zeitraum von 16 Jahren acht Mal einen Fragebogen aus. So machten sie auch Angaben zu Gewicht und Schlafdauer. Schon zu Beginn wogen die Frauen um so mehr, je weniger sie schliefen. Zum Beispiel hatten Frauen mit durchschnittlich fünf Stunden Nachtschlaf fast 2,5 Kilo mehr Speck auf den Hüften als die mit sieben Stunden.

Im Verlauf von zehn Jahren vergrößerten sich die Gewichtsunterschiede weiter: Die Frauen mit maximal fünf Stunden Schlaf nahmen zusätzlich 5,6 Kilo zu, die mit sieben Stunden aber bloß 4,9 Kilo. Diese Verknüpfung blieb selbst dann bestehen, wenn die Wissenschaftler Variablen wie Rauchen, Sport, Kalorienaufnahme oder Ausbildung herausrechneten.

Bei Kindern ist der Zusammenhang zwischen verkürzter Schlafdauer und Übergewicht schon länger belegt. Bayerische Wissenschaftler fanden in einer Studie mit Fünf- bis Sechsjährigen: In der Gruppe mit weniger als zehn Stunden Schlaf waren 5,4 Prozent adipös, dagegen nur 2,1 Prozent derer, die wenigstens elfeinhalb Stunden schliefen (Int J Obes Relat Metab Disord 26, 2002, 710). Ebenso beeinflusste nach einer kanadischen Untersuchung die Schlafspanne das Körpergewicht der fünf- bis zehnjährigen Kinder stärker als Fernsehen, PC-Spiele oder Bewegung (Int J Obes 30, 2006, 1080).

Wer wenig schläft, verbraucht wenig, nicht etwa viel Kalorien

Das Ergebnis scheint paradox: Eher wäre ja zu erwarten gewesen, dass Menschen, die wenig schlafen, mehr Kalorien verbrauchen und deshalb dünner sind. Warum dem nicht so ist, erklärt Patel mit einer gängigen Hypothese: Schlafmangel bringt den zirkadianen Rhythmus aus dem Takt, der Nahrungsaufnahme, Energieverbrauch, Stoffwechsel und Hormonhaushalt streng vorgibt.

Tatsächlich fanden amerikanische Wissenschaftler in einer Studie mit 1024 Teilnehmern heraus: Nach fünfstündigem Nachtschlaf lag der Spiegel des Sättigungshormons Leptin um 16 Prozent niedriger als nach achtstündigem Schlaf. Die Konzen-tration des appetitanregenden Ghrelins wiederum war bei den Kurzschläfern um 15 Prozent höher als bei den Langschläfern (PLoS Medicine 1, 2004, e62).

Nach kurzer Nacht sinkt vermutlich der Grundumsatz

Allerdings wächst der Speckgürtel bei Kurzschläfern offenbar nicht dadurch, dass sie mehr essen. Zumindest entdeckte Patel kein Bindeglied zwischen Schlafdauer und Kalorienaufnahme. Auch der Verdacht, dass Menschen, die wenig schlafen, sich nur gemächlich bewegen, weil sie müde sind, trifft Studien zufolge nicht zu (Sleep 27, 2004, 661). Des Rätsels Lösung liegt nach Ansicht von Patel wahrscheinlich darin, dass ein Schlafdefizit den Grundumsatz durch Drosseln der Thermogenese erniedrigt. Doch auch wenn die Wechselbeziehungen noch nicht feststehen - schon jetzt können Kollegen ihren Patienten guten Gewissens wünschen: Schlafen Sie lange!

STICHWORT

Leptin und Ghrelin

Das Hormon Leptin wird im Fettgewebe nach der Bauanleitung des ob-Gens (obese) hergestellt. Es bindet an einen Rezeptor im Hypothalamus. Über Peptide und Neurotransmitter zügelt es den Appetit. Ghrelin - das Wort ist zusammengesetzt aus "Growth Hormone Release Inducing" - regelt die Sekretion von Wachstumshormonen und stimuliert die Nahrungsaufnahme. Gebildet wird es im Magenfundus.

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Schlafmangel fördert Adipositas

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