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Ärzte Zeitung, 29.03.2007

XXL-Portionen machen Kindern das Leben schwer

Fachtagung zum Thema Adipositas in Bad Orb / Experten für bessere Betreuung von übergewichtigen Kindern

BAD ORB. In spezialisierten Reha-Kliniken werden heute pro Jahr viermal so viele übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche behandelt als noch vor 30 Jahren - das ist der Eindruck von Dr. Hanspeter Goldschmidt, dem langjährigen Direktor einer Rehaklinik für Kinder und Jugendliche in Bad Orb. Auf einer Fachtagung pflichteten ihm viele Experten bei.

Mehr Bewegung statt Chips: Etwa jedes siebte Kind unter 18 ist zu dick, warnen Ärzte. Foto: dpa

Von Raimund Schmid

Die meisten der in der medinet Spessart-Klinik in Bad Orb versorgten Kinder sind im Schnitt 20 bis 30 Kilo schwerer als die Kinder im Jahr 1978. Die Prognose dieser Kinder ist besonders schlecht, wenn sie bereits im Alter von zehn Jahren zuviel wiegen und wenn auch ihre Eltern fettleibig sind. Über diese Ergebnisse hatte Goldschmidt mit einigen Experten auf der Adipositas-Fachtagung 2007 mit dem Titel "Auf dem Weg in die Adipositasgesellschaft?" in Bad Orb diskutiert.

Immer mehr Anträge für Kinder-Rehabilitationen

Dr. Hans-Joachim Werkmann von der Deutschen Rentenversicherung Hessen berichtete, dass in den vergangenen zehn Jahren die Anträge der bewilligten Kinderrehabilitationen in Hessen um 80 Prozent zugenommen haben - trotz sinkender Kinderzahlen (bundesweiter Anstieg: 73 Prozent). 44 Prozent dieser Kinder-Rehas entfielen im Jahr 2005 auf die Adipositas, zehn Jahre zuvor waren es erst 22 Prozent gewesen.

Ärzte verzeichnen Zunahme von Hypertonie und Diabetes

Und auch aus medizinischer Sicht habe sich "viel verschoben", erklärte Goldschmidt. Im Jahr 1978 seien nicht einmal bei der Hälfte aller adipösen Kinder zusätzliche Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes, metabolische Syndrome oder Fettleber diagnostiziert worden. Heute litten fast alle adipösen Kinder an weiteren Krankheiten. Zwar nähmen die Patienten bei einer vier- bis sechswöchigen Kur acht bis 15 Prozent ihres Ausgangsgewichtes ab. Doch nur ein geringer Teil dieser Kinder könne das reduzierte Gewicht auf Dauer halten.

Hauptursache für das Übergewicht sind für die Experten die steigenden Nahrungsmengen und XXL-Portionsgrößen. Vor allem in Fast-Food-Restaurants sind die Portionen allein in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gewachsen. Hinzu kommt, dass die früher bei Kindern übliche konstante Bewegung über den Tag hinweg "total weg gebrochen" sei, wie der Mainzer Sportmediziner Professor Klaus Jung feststellte. Zudem habe die Toleranz gegenüber dem eigenen Gewicht heute deutlich zugenommen hat, solange dieses Übergewicht "nicht weh tut".

Den Hausärzten kommt bei Diagnose, Therapie und Nachsorge adipöser oder stark übergewichtiger Kinder eine zentrale Rolle zu. Allerdings würden sie dieser Verantwortung - zumindest bei der Reha - nicht immer gerecht. Das habe eine Studie, an der neun Kliniken beteiligt waren, gezeigt. Goldschmidt: "Es macht keinen Unterschied, wenn man nur den BMI betrachtet, ob nach einer Reha eine strukturierte Nachbetreuung durch die Hausärzte erfolgt oder nicht."

Dabei hätten gerade die Kinder- und Hausärzte die große Chance, betroffene Kinder bei der Vor- und der Nachsorge frühzeitig herauszufiltern, hieß es in Bad Orb. Doch weder Vorsorgeprogramme noch präventive Ansätze hätten gegriffen. Darüber waren sich die Experten einig. Unternommen gegen das Übergewicht werde meist erst dann etwas, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht mehr zur Schule gehen, weil sie von den Mitschülern gehänselt werden.

Dr. Rüdiger Meierjürgen von der Barmer Ersatzkasse bemängelte, dass es bei den ambulanten Adipositasschulungen an flächendeckenden Angeboten und transparenten Kostenbewilligungen fehlt. Die dringend erforderlichen (Public Health-) Strategien seien nach wie vor nicht in Sicht.

Aufklärung über Softdrinks ist in Deutschland ausbaufähig

Dabei gebe es genügend positive Handlungsoptionen. So habe sich etwa in Schweden, Belgien oder Irland ein Werbeverbot für dick machende Lebensmittel im Kinder-TV bewährt. In den USA dürften kalorienhaltige Softdrinks an Schulen nicht mehr verkauft werden. Auch in der Entwicklung kindgerechter Lebensmittel (zuckerarme Getränke, fettarme Milchprodukte, ballaststoffreiches Brot) stecke in Deutschland noch ein "Riesen-Potenzial", so die Meinung von Goldschmidt. Doch müsse diese veränderte Nahrung - und das ist häufig das Problem - den Kindern auch "weiterhin schmecken, gut aussehen und satt machen."

FAZIT

Bereits zehn bis 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen gelten heute als übergewichtig (BMI über der 90. Perzentile), vier bis acht Prozent als adipös (BMI über der 97. Perzentile). Nach Ansicht von Edmund Fröhlich, Geschäftsführer der Spessart-Klinik Bad Orb, könnte die so genannte Generation Chips diejenige Generation sein, die kränker sein wird als frühere Generationen. "Generation Chips" ist auch der Titel eines Buches, das auf das Zusammenwirken von ungesundem Essen und zu viel Fernsehen anspielt.

Edmund Fröhlich/Susanne Finsterer: Generation Chips, Hubert Krenn Verlag Wien, www.hubertkrenn.at, (2007, ISBN 978-3-902532-30-5, 16,95 Euro.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Checkups für die "Generation Chips"

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