Ärzte Zeitung, 31.05.2007

HINTERGRUND

Überlebensvorteil Übergewicht? Wie eine verquere Diskussion um optimales Gewicht die Leute verwirrt

Von Thomas Meißner

"Der hat wenigstens etwas zuzusetzen", heißt es gern, wenn jemand "kräftig gebaut" ist. Was bedeutet: Den haut nicht jede Krankheit um. Seit kurzem haben auch deutsche Politiker dem Übergewicht den Kampf angesagt. Und schon haben sich Skeptiker gemeldet und gesagt, ein bisschen Speck auf den Hüften macht doch nichts. Im Gegenteil! Die beste Lebensversicherung sei das.

Der Bauchumfang ist ein wichtiger Parameter, der bei Beurteilung zum Gewicht hinzugenommen werden sollte. Foto do

Ganz so leicht lässt sich das nicht beurteilen. Einig sind sich Experten in einem Punkt: Wer adipös ist, also einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 kg/m2 hat, stirbt früher als ein normalgewichtiger Mensch. Doch für Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) gibt es dazu keine guten Daten. Zwar hat eine Analyse von US-Mortalitätsdaten ergeben, dass Übergewichtige mit einem BMI von 25 bis 30 bei den Sterbefällen im Vergleich zu Normalgewichtigen und Adipösen unterrepräsentiert sind. Danach lassen sich durch leichtes Übergewicht in den USA rein statistisch sogar 86 000 Todesfälle pro Jahr vermeiden (JAMA 293, 2005, 1861).

Allerdings muss man mit der Interpretation vorsichtig sein: Analysiert wurde der BMI beim Todeszeitpunkt. Durch eine chronische Krankheit wie Krebs kann der BMI in den Monaten vor dem Tod deutlich gesunken sein, sodass Personen, die zeitlebens einen erhöhten BMI hatten, plötzlich als normalgewichtig gelten. Immerhin: Eine seit 1963 laufende Studie bei mehr als 10 000 israelischen Männern über 40 Jahren bestätigte, dass zumindest ein leicht erhöhter BMI zwischen 25 und 27 kg/m2 mit einer hohen Lebenserwartung einhergeht. 48 Prozent dieser Männer lebten länger als 80 Jahre, fast jeder Vierte wurde über 85.

Herzinsuffizienz-Patienten mit Übergewicht leben länger

Helfen Fettpolster also, bestimmte Krankheiten besser zu überstehen als Schlanke es können? Es gibt Daten, die dafür sprechen. So belegt das HELUMA (Heidelberg, Ludwigshafen, Mannheim)-Register mit 2600 Herzinsuffizienz-Patienten, dass über 65-Jährige mit einem BMI von über 35 kg/m2 bessere Überlebenschancen hatten als Normalgewichtige. Und von Tumor- und Aids-Patienten ist bekannt, dass dicke Patienten eine bessere Prognose haben. Auch bei COPD ist Übergewicht günstig. Denn die Patienten haben aufgrund der vermehrten Atemarbeit einen erhöhten Energiebedarf. Der Fürther Pneumologe Professor Heinrich Worth empfiehlt deshalb, bei COPD-Patienten einen BMI von mindestens 25 kg/m2 anzustreben. Bereits unter 21 kg/m2 liege Untergewicht vor.

Wer jedoch gesund ist, für den hat Übergewicht offenbar keinen Vorteil, ganz im Gegenteil, es schadet. So haben 75 Prozent der Adipösen eine Fettleber. Dicke bekommen 1,5- bis 1,9-mal häufiger Nierensteine (JAMA 293, 2005, 455), 1,4-mal häufiger Gonarthrose, ganz zu schweigen von metabolischen und kardiovaskulären Erkrankungen. Vor allem ungünstig ist es, wenn das Übergewicht durch zu viel Fett im Bauch zustande kommt. Denn Bauchfett wird inzwischen als endokrines Organ angesehen, das Entzündungsmediatoren produziert, die Gefäße und Gelenke schädigen sowie Stoffwechselprozesse beeinträchtigen.

Das wird jedoch nicht immer gerne gehört. Der Publizist und Lebensmittelchemiker Dr. Udo Pollmer argumentiert regelmäßig gegen das Abnehmen - nicht zuletzt mit den Daten der US-Mortalitäts-Analyse. Seine Botschaften, wie jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", kommen an: "Mein Körper ist meine Natur." "Die höchste Sterblichkeit haben nicht die Fetten, sondern die Dürren."

"Viele wollen nichts anderes hören als das", sagt der Internist Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde. Er zitiert eine Umfrage, wonach zwei Drittel der deutschen Männer stolz auf ihren Bauch sind. Durch Äußerungen selbst ernannter Experten fühle man sich bestätigt, sagt Wirth. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. "In den vergangenen Jahrzehnten sind etwa 20 Studien mit einem klaren Zusammenhang zwischen hohem BMI und erhöhter Sterberate erschienen und vielleicht zwei oder drei, die das nicht zeigen", so Wirth. Der Zusammenhang zwischen BMI und bestimmten Erkrankungen ist jedenfalls komplexer als von vielen angenommen.

Ein Beispiel: Wer übergewichtig oder adipös ist, bekommt eher eine Herzinsuffizienz. Ob jedoch ein dicker Herzinsuffizienz-Patient von der Gewichtsreduktion profitieren würde, ist ungeklärt. Zudem haben Herzinsuffizienz-Patienten häufig Ödeme, wodurch Übergewicht nicht immer eine normale Körperzusammensetzung widerspiegelt.

Der BMI allein ist nicht aussagekräftig genug

Das tut auch der BMI nicht. Er sagt nichts über den Anteil des Risikofaktors viszerales Fett oder über den Anteil der Muskelmasse aus. Näheren Aufschluss können künftig nur Langzeitstudien geben, die Zusammenhänge zwischen viszeralem Fett (Bauchumfang) und Krankheitsprognose herstellen oder die Körperzusammensetzung per elektrischer Bioimpedanzmessung bestimmen.

Was sagt man Patienten? Wirth plädiert bei Übergewichtigen ohne schwere Erkrankung ganz eindeutig fürs Abspecken, lässt sich doch damit Gonarthrose, Diabetes, Schlafapnoe oder Luftnot beim Treppensteigen vermeiden. Auch ein junges Mädchen mit 110 kg Körpergewicht, das weder einen Freund hat, noch eine Ausbildungsstelle bekommt, wird man kaum damit trösten, dass sie wegen ihres Übergewichts nicht zwangsläufig früher stirbt.

Übergewicht und Adipositas haben viele Aspekte, die Diskussion über die Sterberate ist nur einer davon.

FAZIT

Bei einigen Krankheiten haben Übergewichtige Vorteile im Vergleich zu Normalgewichtigen. Bei Gesunden aber geht Übergewicht und vor allem Adipositas mit erhöhten gesundheitlichen Risiken einher. Das haben etliche Studien belegt, einige nicht. Bei der Diskussion um das richtige Gewicht darf zudem der wichtige Risikoparameter Bauchfett nicht außer acht gelassen werden. (eb)

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