Ärzte Zeitung, 15.10.2007

KOMMENTAR

Eine Chance für Schwerkranke

Von Wolfgang Geissel

Adipositas ist keine Charakterschwäche, sondern eine schwere Krankheit, und Betroffene müssen lebenslang behandelt werden. Wegen Folgekrankheiten ist bei morbider Adipositas (BMI über 40) die Lebensqualität extrem reduziert und die Lebenserwartung um 20 Jahre verringert. Die einzig realistische Chance für die allermeisten Betroffenen, massiv an Gewicht zu verlieren, ist ein chirurgischer Eingriff etwa mit Magenband oder Magenbypass.

Bei über einer Million Betroffenen in Deutschland hat heute aber nur etwa jeder 1000. von ihnen überhaupt die Chance auf eine solche Operation. So wurden bei uns im Jahr 2005 nur 1200 solcher Eingriffe vorgenommen. Zum Vergleich: In den USA gibt es pro Jahr etwa 260 000 chirurgische Eingriffe bei Adipositas.

Die Operationszahlen sind in Deutschland so gering, weil die GKV die Eingriffe nur in Ausnahmen bezahlt. Außerdem gibt es zu wenige Spezialkliniken für Adipositas-Chirurgie. Die Eingriffe sind schwierig. Je häufiger Chirurgen extrem Dicke operieren, desto geringer ist die Komplikationsrate. Die Zentren müssen zudem die Nachsorge organisieren, die bei operierten Adipösen ähnlich aufwändig ist wie bei einem Transplantations-Patienten.

Dazu ist ein Netz aus Ernährungsmedizinern, Psychologen und Diabetologen erforderlich sowie ein Schlaflabor. Um Langzeit-Komplikationen vorzubeugen, müssen regelmäßig Gewicht und Ernährungszustand sowie Veränderungen bei Folgekrankheiten kontrolliert werden. Patienten mit Magenbypass brauchen zudem eine Nahrungsergänzung mit Vitaminen, Eisen und Calcium einschließlich der Kontrolle der Blutspiegel.

Der Aufwand lohnt sich. Schwerkranken Menschen wird das Leben erhalten und zu Gesundheit verholfen. In einer US-Studie nahmen 37 Prozent der Adipösen nach dem Eingriff wieder eine Arbeit auf, im Vergleich zu sechs Prozent ohne eine solche Operation. Folgekrankheiten wie Typ-2-Diabetes lassen sich durch einen Magenbypass in der Regel beseitigen. Auch für weniger dicke Diabetiker könnte der Eingriff daher eine Option werden. In den USA wurde bereits ein Lehrstuhl für eine solche metabolische Chirurgie eingerichtet.

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