Ärzte Zeitung, 15.10.2007

HINTERGRUND

Operationen helfen Adipositas-Kranken, in Deutschland fehlen aber Spezialkliniken

Von Wolfgang Geissel

Über eine Million Menschen in Deutschland leiden an morbider Adipositas (BMI über 40), und es werden immer mehr. Wegen der ernsten Folgen wie Depressionen, Hypertonie, Diabetes, Herz-Kreislaufleiden oder auch Krebs ist bei Betroffenen die Lebensqualität extrem reduziert und die Lebenswartung um 20 Jahre verringert.

Realistische Chancen, mit Reduktionskost und Bewegung massiv an Gewicht zu verlieren, haben die Betroffenen nicht. "Wenn jemand erst einmal 50 kg zu viel auf die Waage bringt, dann helfen keine Diäten mehr", sagt Professor Rudolf Weiner aus Frankfurt am Main.

Denn das Fettgewebe als autonomes endokrines Organ wirkt der Gewichtsabnahme entgegen. Durch Hungern können die Patienten zwar ihre Fettspeicher zum Teil entleeren. Anschließend reguliert der Körper aber den Stoffwechsel auf ein extrem niedriges Niveau. Selbst bei minimaler Kost füllen sich die Speicher sofort wieder, so der Adipositas-Experte von der chirurgischen Klinik am Krankenhaus Sachsenhausen.

Nach chirurgischen Eingriffen sinkt die Sterberate deutlich

Helfen können chirurgische Eingriffe mit Magenbypass oder Magenband. Nach Studienergebnissen verlieren Adipositas-Patienten durch solche Verfahren stark an Gewicht. Das hohe Risiko für Folgekrankheiten sinkt dadurch und die Sterberate wird deutlich verringert.

Nach den Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sind solche bariatrischen Eingriffe generell zu erwägen bei einem BMI über 40, außerdem bei einem BMI über 35 und zusätzlich schwerwiegenden Begleiterkrankungen. Junge Patienten mit hohem BMI profitieren am meisten von der Operation.

Die Eingriffe gehören nicht zum Leistungskatalog der GKV, in Ausnahmen werden sie auf Antrag übernommen. Gezahlt wird in der Regel aber nur, wenn konservative, ärztlich geleitete Therapien über mindestens zwölf Monate keinen Erfolg gehabt haben. "Der Nachweis ist oft ein Problem, denn die meisten Patienten haben ihre erfolglosen Diäten in Eigenregie vorgenommen", so Weiner im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Im internationalen Vergleich ist Deutschland deshalb ein Schlusslicht bei der Adipositas-Chirurgie. So wurden nach Angaben von Weiner im Jahr 2005 bei uns nur etwa 1200 solcher Eingriffe vorgenommen, was etwa 14 Eingriffen pro eine Million Einwohner entspricht. Zum Vergleich: Die Rate betrug in den USA 752 und in Frankreich 278 Eingriffe pro eine Million Einwohner. Und sogar in Polen gab es mehr Operationen für Adipöse als bei uns (17 pro eine Million).

Ursache der geringen Operationsrate in Deutschland sei dabei nicht nur die restriktive Genehmigungspraxis der GKV, sagt Weiner. Es fehlten vor allem auch spezialisierte Zentren mit Erfahrungen für die schwierigen Eingriffe.

"Nach internationalen Richtlinien sollten Adipositas-Zentren mindestens 125 Eingriffe im Jahr machen", sagt Weiner. Nach seinen Angaben erfüllt das in Deutschland bisher nur das Krankenhaus Sachsenhausen (etwa 1000 Eingriffe pro Jahr). Es folgten die Universitätsklinik Hamburg und das Krankenhaus in Dinslaken mit je etwa 100 Eingriffen jährlich sowie das Klinikum Gera mit etwa 60 Eingriffen. Von den Zentren muss auch die lebenslange Nachsorge der Patienten organisiert werden. "Der Umfang der Nachsorge entspricht dem in der Transplantations-Chirurgie", sagt Weiner dazu.

Typ-2-Diabetes lässt sich komplett wieder beseitigen

Die Begleiterkrankungen von Adipositas werden nach dem chirurgischen Eingriff gelindert oder sogar ganz beseitigt. So lässt sich Typ-2-Diabetes durch einen Magenbypass vollständig beseitigen, wenn ein Patient noch nicht länger an der Erkrankung leidet. Die Kosten des Eingriffs von etwa 5000 Euro können sich so schnell amortisieren. Weiner hat berechnet, dass zehn Jahre Therapie eines insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikers mit Adipositas etwa 110 000 Euro kosten. Im Vergleich dazu müssten für einen chirurgisch versorgten Adipositas-Patienten mit Operation und Nachsorge in zehn Jahren etwa 9200 Euro aufgewendet werden.

Adipositas-Patienten können etwa an das Krankenhaus Sachsenhausen vermittelt werden, Tel.: 0 69 / 66 05-11 99

STICHWORT

Adipositas-Chirurgie

Das Magenband wird laparoskopisch um den oberen Teil des Magens gelegt. Nur geringe Mengen breiiger Speisen werden durchgelassen. Patienten mit Magenband müssen gut kauen, sind schnell satt und können bei guter Mitarbeit mehr als 50 Prozent ihres Übergewichts in einem Jahr abnehmen. Hochkalorische Speisen wirken jedoch einer Abnahme entgegen. Beim Magenbypass werden ein Großteil des Magens und das Duodenum stillgelegt. Der Magenrest wird mit dem Jejunum verbunden. Typischerweise reduzieren Patienten dabei ihren BMI um etwa 18 Punkte.

Bei beiden Verfahren ist im Anschluss an die Op eine Ernährungstherapie nötig. (eb)

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